Ein Jahr nach der Flut: Zeichen setzen gegen die Ohnmacht

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Pfarrer Franz Pitzal, Bruno Fuchs und Bürgermeister Ralph Leischner bringen Spenden aus Leinzell nach Kreuzberg
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Warum der Leinzeller Bruno Fuchs die Einladung zur Gedenkfeier in Kreuzberg im Ahrtal gerne annimmt und wie sich die Situation dort ein Jahr nach der Katastrophe darstellt.

Leinzell. Für Bruno Fuchs ist es eine ganz besondere Einladung, die er in diesen Tagen erhalten hat. „Auf zu neuen Ufern“ ist sie überschrieben. Aber ausgesprochen von Menschen, die das rettende Ufer noch nicht erreicht haben. Auch deshalb wird Bruno Fuchs auf jeden Fall aus Leinzell ins Ahrtal fahren - „um Solidarität zu zeigen, echte Verbundenheit in den Zeiten, in denen alles nur noch schleppend vorangeht. Ich will deutlich machen: Ihr seid nicht vergessen.“

Ganz genau ein Jahr ist es her: In der Nacht vom 14. auf den 15 Juli erlebten die Menschen im Ahrtal ein Unwetter, das sich in diesem Ausmaß und mit diesen Folgen gar niemand hätte vorstellen können. 134 Menschen sind gestorben, 766 wurden verletzt, tausende Häuser, Straßen, Schienenwege, Brücken zerstört.

Feuerwehrmann Bruno Fuchs zögerte damals nicht lange, knüpfte Kontakte über die Floriansjünger und fuhr zeitnah zu den Kollegen im Dörfchen Kreuzberg an der Ahr, deren Gerätehaus die Wassermassen ebenso mitgerissen oder zerstört hatten wie 200 der insgesamt 245 Häuser in diesem Ortsteil der Gemeinde Altenahr. Viele Male hat Bruno Fuchs seitdem die weite Strecke von Leinzell ins Katastrophengebiet auf sich genommen, etliche Male auch begleitet von einer Delegation aus dem Leintal. Man hat die Ärmel hochgekrempelt und mit angepackt. Und man hat von der Ostalb Schecks mitgebracht, um mit dem Geld wichtige Einrichtungen im Dorf wieder in Gang zu bringen.

Anfangs, beim großen Aufräumen, wurden viele Hände gebraucht und viele Helfer kamen. Einige Monate später war deshalb äußerlich auch das allerschlimmste Chaos beseitigt. Doch mit dem, was dann anstand und noch immer ansteht, „fühlen sich die Menschen überfordert und allein gelassen“, erzählt Bruno Fuchs, der nach wie vor engen Kontakt zu seinem Feuerwehrkameraden Rudolf Schneider hält und auch in diesem Jahr schon fünfmal in Kreuzberg war. Denn das Problem sei, dass die meisten Flutopfer nun zur Instandsetzung ihrer Häuser Handwerker und Fachleute benötigen. Dazu das passende Baumaterial. Doch all das sei extrem schwer bis überhaupt nicht zu kriegen. „Von den 30 Milliarden Euro, die als Aufbauhilfe versprochen wurden, sind höchstens 1,5 Milliarden Euro abgerufen“, macht Bruno Fuchs das Ausmaß des Problems an einer Zahl deutlich. Immer wieder hört er bei seinen Besuchen, dass sich die Menschen eine konzertierte Aktion wünschen - so etwas wie einen Zusammenzug von Handwerkern und Baumaterial vor Ort. Denn auf dem rund 80 Kilometer langen Katastrophenabschnitt im Ahrtal leben viele im Stillstand und in Rohbauten - ohne Estrich, ohne Decken, ohne verputzte Wände.

Bruno Fuchs plant deshalb, demnächst mal mit einer Truppe Leinzeller 14 Tage nach Kreuzberg zu fahren. Will Farbe, Pinsel, Walzen und Abklebeband mitnehmen und dann die Wände und Keller streichen, die für eine solche Aktion schon trocken genug sind. „Einfach um ein Zeichen der Hoffnung zu setzen“, sagt er. So wie der Spielplatz, den die Leinzeller vor einigen Monaten für die Kreuzberger Familien mit kleinen Kindern mit angelegt und mit finanziert haben. Als ein Ausrufezeichen, in Zeiten der Überforderung und Ohnmacht, in denen alles so schleppend vorwärtsgeht.

Wochenlang gibt es Trinkwasser nur aus Containern.
ein Blick ins Innere der Häuser zeigt das ganze Ausmaß des Chaos.
Schon zweimal haben die Leinzeller in der Küche der Gemeindehalle Linsengerichte mit Saitenwürstle gezaubert und zugunsten der Flutopfer verkauft.
Bruno Fuchs ist immer wieder vor Ort, um zu helfen
Die Floriansjünger in Kreuzberg hat es voll erwischt. Ihr Feuerwehrstandort fiel der Flut zum Opfer.
Wann hier wieder eine Eisenbahn fahren kann, ist ungewiss.
Bruno Fuchs und Ralph Leischner mit Spendenschecks aus Leinzell und vom Strickkreis aus Mutlangen
Es wird viele Monate dauern, bis die Wände dieser Häuser wieder trocken sind.
Bei vielen Gebäuden gibt es keine Alternative zum Abriss.
134 Menschen haben direkt in der Flutkatastrophe ihr Leben verloren, 766 wurden verletzt. Vielerorts erinnern Lichter an diese Opfer.

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