Einwanderer mit Gratis-Bauplatz

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Hauptsache katholisch: Wie vor 250 Jahren die Kolonie in Untergröningen entstanden ist.

Abtsgmünd-Untergröningen

Als Roland Knobloch kürzlich wo seine Adresse angeben musste, stutzte sein Gegenüber: „Kolonie? Muss es nicht Koloniestraße heißen?“ Stirnrunzeln und Nachfragen ist der Untergröninger gewöhnt. Seit 30 Jahren ist das seine Adresse: Kolonie, Untergröningen.

Gut, dass Roland Knobloch die Nachfragen so ausführlich beantworten wie kaum jemand sonst: Er betätigt sich hobbymäßig, aber ziemlich professionell als Ortshistoriker von Untergröningen. Der Name der Straße, in der er wohnt, ist schon vor 250 Jahren entstanden: Es ist eine Geschichte von ausgestorbenem Adel, Glaubenseifer, Zuwanderung, Armut. Die Kolonie war eine neu gegründete Siedlung von Katholiken – im bis dahin rein evangelischen Ort.

Die Geschichte beginnt mit dem Adelsgeschlecht von Limburg, dem das Schloss Untergröningen gehört hat. Der Linie der Limburger, die in Untergröningen herrschten, waren die männlichen Nachkommen ausgegangen. „Also wurde das Erbe unter einigen Erbtöchtern verteilt“, erzählt der Orthistoriker. Das Schloss samt umliegenden Gebäuden und Grund bekam eine Fürstin, die Katholikin war: Marie Friederike Sophie Charlotte von Hohenlohe-Waldenburg-Bartenstein. Sie war nur kurz in Untergröningen: Im September kam sie in den Ort, im Mai 1777 ist sie gestorben. Trotz ihres kurzen Lebens dort hat sie Untergröningen für immer verändert. Die Idee, die sie hatte, verwirklichte dann ihr Sohn: Katholische Siedler in den evangelischen Ort zu holen, die Colonisten, wie sie von Anfang an genannt wurden.

Die Lockmittel waren verführerisch und wirksam: „Man hat die Neuansiedler mit einem Bauplatz umsonst und Vergünstigungen angelockt“, erzählt Roland Knobloch. Angesiedelt wurden sie auf der Schlosshöhe, neben den schon existierenden Wirtschaftsgebäuden entstanden kleine, eingeschossige Häuschen der Kolonisten. „In Wegstetten, wo auch eine kleine Kolonie entstand, sind manche noch in Originalgröße zu sehen“, erzählt Knobloch.

Die Menschen, die kamen, waren zumeist arme Leute, die nichts zu verlieren und wenig aufzugeben hatten. Für die Untergröninger Herrschaft galt: Hauptsache katholisch. Roland Knobloch hat in den Aufzeichnungen eines „Verwaltungs-Acutars“ aus dem Jahr 1845 nachgelesen. Der Bericht, der im Ortsarchiv Untergröningen liegt, gibt ein genaues Bild von den sozialen Verhältnissen damals, dass nämlich „fast alle Colonisten mit wenigen Ausnahmen sich bettelarm hier niederließen, um sich theils von herumziehenden Gewerben, theils vom Bettel zu ernähren“.

Netto gleich brutto

Untergröningen, seit Mitte des 16. Jahrhunderts evangelisch, war von nun an konfessionell zweigeteilt. Am Ende der Ansiedlungszeit war rund ein Drittel der gesamten Bevölkerung katholisch – mit Privilegien: Wenn die Neuen etwas verdienten, war netto gleich brutto: Denn die Ansiedler waren „von allen nur denkbaren Abgaben auf Lebenszeit befreyt“, wie der Verwaltungs-Acutar notiert hat. Diese Steuerfreiheit war mit ein Grund, wieso die Gemeinde Untergröningen im 19. Jahrhundert so bettelarm arm, dass die vom Königreich Württemberg unter Zwangsverwaltung gestellt wurde.

„Wobei sich das als Glücksfall für Untergröningen entpuppte“, sagt Knobloch. Weil dadurch ein Verwaltungsprofi ans Ruder kam statt der damals üblichen Bürgermeister, die aus dem Dorf, aber nicht vom Fach waren. Doch das ist eine andere Geschichte.

Von allen nur denkbaren Abgaben auf Lebenszeit befreyt."

Ein Verwaltungs-Acutar 1845, über die "Kolonisten"

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