Drei Baracken für zwölf Familien

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Der große Moment: Von der Idee des inzwischen verstorbenen Rolf Hess bis zur Enthüllung der Stele durch seinen Bruder Manfred und Bürgermeister Jochen König sind fünf Jahre vergangen.
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Um an die nicht einfache Nachkriegszeit zu erinnern, hat Manfred Hess eine Idee seines Bruders umgesetzt und eine Erinnerungsstele gestaltet. Jetzt war die Enthüllung.

Eschach

Sie kennt sie alle auf dem Bild. Jetzt, da die Gedenksäule enthüllt ist, steht Edda, die Älteste der vier Hess-Kinder, vor dem Schwarz-Weiß-Foto auf der Stele und zählt die Namen auf. Sie hat erlebt, was nun zur Erinnerung dokumentiert ist. Auf Betreiben ihrer Brüder – Rolf, der in den USA lebte, und Manfred, der 1946 in der Eschacher Baracke geboren ist. Doch davon später.

Zunächst zum Festakt. Am Grundstück des Arztehepaars Krubasik, dem für die Unterstützung großer Dank galt, haben sich an diesem Samstag etwa 50 Menschen versammelt – darunter Bürgermeister Jochen König und etliche Gemeinderäte. Genau an dieser Stelle in der Steigäckerstraße hatten einst drei Baracken für Erntehelfer gestanden. Nach dem Krieg wurden sie umfunktioniert zu Lagern für Heimatvertriebene. Zur Heizung wurden Beistellöfen beschafft, für die Hygiene gab es einen Anbau mit Toiletten und Waschgelegenheiten. Zwischen 1946 und 1950 waren die Baracken mit zwölf Familien voll belegt.

Bürgermeister Jochen König ruft in seiner Ansprache die Entwicklung Eschachs in der Nachkriegszeit in Erinnerung. Damals wuchs die Gemeinde schlagartig von 900 auf 1371 Einwohner an, 513 Heimatvertriebene mussten untergebracht werden, für die es weder Sozialhilfe, noch Fördermittel gegeben habe. Jeder hatte selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen müssen. Überall suchten die Menschen Arbeit, viele fuhren, wie Initiator Manfred Hess es dann in seiner Rede ausführt, auf dem Pritschenwagen des heutigen Busunternehmers Jakob täglich nach Gmünd, wo es mehr Arbeit gegeben habe.

Weil sich vor allem die Eschacher Landwirte einer flächenmäßigen Ausdehnung der Gemeinde widersetzten, wurden den Vertriebenen ab 1953 Grundstücke in Hussenhofen, Lindach, Straßdorf und Herlikofen angeboten. Dorthin habe es die meisten verschlagen, weiß Bürgermeister König, weshalb das Herlikofer Nachkriegswohngebiet lange den Beinamen "Klein Eschach" trug.

"Sie alle haben in ihrem Leben viel geleistet", sagt König – ganz besonders aber mit Blick auf die ehemaligen Barackenbewohner, die in Eschach geblieben sind und "die Ortsgeschichte maßgeblich positiv geprägt haben."

Eben jene Lebensleistung der Bessarabiendeutschen, die vor 200 Jahren nach Russland umgesiedelt wurden, dort das Land nutzbar gemacht und eine Kultur aufgebaut haben, dann mit dem Hitler-Stalinpakt enteignet und ins Warthegau (Polen) versetzt und von dort nach dem Krieg nach Westen vertrieben wurden, stellt auch Frank Metschies vom Gmünder Verein Brücke nach Osten besonders heraus. Mehrfach seien ganze Familien vor dem Nichts gestanden und hätten ohne Unterstützung wieder von Null anfangen müssen. Wer sich mehr für diese Geschichte interessiere oder die eigene Familiengeschichte recherchieren wolle, den lädt er ins Archiv, die von Kurt Scholze und Klaus Rollny aufgebaute Sammlung Osten, im Unipark ein.

Viele, die zur Enthüllung gekommen sind, haben selbst in den Baracken gelebt oder Angehörige, die dort waren. Lange tauschen sie anschließend Erinnerungen aus.

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