Mehr als 525 Jahre alte Unterschriften

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Warum der unkundige Besucher in der Eschacher Kirche einen gehörigen Schrecken bekommen kann und warum der Pfarrer dann gelassen bleibt und gerne die Schätze zeigt.

Eschach

Es ist eine ganz normale Taufe, zu der Martin K. eingeladen ist. Coronabedingt ist die Gästezahl zwar auf ein Minimum reduziert, aber sonst: alles gut. Denkt er und freut sich, dass er so wenigstens einen der vorderen Plätze ergattern kann. Sein Blick schweift in Richtung Altarraum – und Martin K. erstarrt: Hakenkreuze. Überall in Stein gemeißelt. Was soll denn das???

Pfarrer Uwe Bauer versteht die empörte Frage – und muss trotzdem schmunzeln. Die Hakenkreuze haben überhaupt nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, beruhigt er. Sie sind älter, sehr viel älter. Es handle sich nämlich um Steinmetzzeichen aus den Jahren um 1493, als die Eschacher Kirche grundlegend umgebaut wurde. Die alte dreischiffige Basilika war damals abgebrochen worden und es entstand ein neuer, heller Chor samt einschiffigem Kirchenraum.

Alle behauenen Steine sind, wie es damals Brauch war, mit Steinmetzzeichen versehen – acht verschiedene dieser Unterschriften sind in der Kirche zu finden, darunter eben auch das Hakenkreuz, das Martin K. sofort ins Auge gefallen ist. Die Steinmetze seien damals aus dem Kochertal hochgezogen, erzählt der Pfarrer. Auch in der Täferroter Kirche ließen sich ihre Signaturen entdecken. Die, so vermutet man inzwischen auch, etwas mit den Abrechnungsmodalitäten zu tun haben.

Ich bin immer begeistert von dieser Kirche.

Uwe Bauer, Pfarrer

Hobbyhistoriker Johann Berroth, der zum 500-jährigen Bestehen des Altars seine jahrzehntelangen Forschungen in einer Festschrift zusammengefasst hatte, schreibt zum Um- oder Neubau um 1493: "Der Baumeister war Hans von Urach, welcher zusammen mit seinem Bruder Martin die Eschacher Kirche gebaut hat. Ihr Meisterschild hängt über dem Hochaltar im Chorgewölbe. Das Zeichen des Hans von Urach ist noch vorhanden. Die behauenen Steine im Chorgewölbe tragen außer zwei alle dieses Steinmetzzeichen ‘Hakenkreuz'. Dieser Steinmetz hat auch die drei Schlusssteine hergestellt. Im Jahr 1510 wurde das Südportal mit einer kleinen Vorhalle bereichert. Dieses Bauwerk errichtete Meister Veit, Steinmetz von Leinbruck. Der Schlussstein dieser 1834 abgebrochenen Vorhalle ist am Nordwesteck der Kirchenmauer eingesetzt." Abgebildet ist auf dem dazu gehörigen Foto die Jahreszahl 1493 und ein Hakenkreuz als Steinmetzzeichen.

Wer genau das Hakenkreuz als Steinmetzzeichen verwendet hat, weiß zumindest in Eschach niemand sicher. Ganz sicher ist aber, dass es mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hat, sagt Pfarrer Uwe Bauer, dem, wie er einräumt, die Kirche in Eschach mit ihrem Schätzen aus der Vergangenheit sehr ans Herz gewachsen ist. Nicht nur der Hochaltar, der 1496, also vor fast 525 Jahren, in der Kirche aufgestellt und vom Ulmer Künstler Jörg Syrlin d.J. gebaut und geschnitzt wurde. Noch heute sind die Schnitzfiguren im Original vorhanden, die Originalgemälde waren um 1817 aus Geldnot während einer Hungersnot verkauft worden und können in der Staatsgalerie in Stuttgart bewundert werden. Für das Gotteshaus in Eschach hat Christiane May-Stroner Kopien nach ihrem Vorbild angefertigt.

Auch die Wandmalereien im alten Turmchor haben es dem Pfarrer angetan. Der Turmchor ist ein Überbleibsel der dreischiffigen Steinbasilika, die das Kloster Ellwangen etwa um das Jahr 1000 in Eschach bauen ließ. Um 1493 musste sie dem heutigen Bau weichen. Erhalten ist der Turmchor. Wunderbare Bilder nicht nur vom wiederkommenden Christus, sondern an der Nordseite auch die komplette Leidensgeschichte. Nach über 700 Jahren in zwar leicht verblasster, aber einst sicher herrlicher Farbigkeit zu sehen, dazu Bilder von Himmelfahrt und Pfingsten, von Jesu Taufe, von Johannes oder den Emmausjüngern. Fachleute schätzen, dass diese Bilder um 1350 entstanden sind und später mit Kalk übertüncht wurden. 1962 wurden die Bilder von Restaurator Munz entdeckt und aufgefrischt. Manch liebenswertes Detail hat Pfarrer Uwe Bauer in diesen Bildern schon entdeckt.

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Pfarrer Uwe Bauer zeigt die von den Steinmetzen beim Um- und Neubau der Kirche im Jahr 1693 markierten Steine am Gewölbe zum Chorraum der Eschacher Kirche.

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