Wenn „Spiderman“ am Windrad hängt

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Aus der Ferne ist Marin Marinow am Flügel des riesigen Windrades kaum zu erkennen.
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Warum aufmerksame Beobachter am Windpark Büttenbuch zwischen Eschach und Göggingen in diesen Tagen große Augen machen konnten.

Eschach

Huuuch?! Was ist das denn? Die drei Männer stehen auf der Schotterfläche unter der südlichsten der vier Windkraftanlagen im Büttenbuch und starren gebannt nach oben. „Zum Glück ist grad kein Stammtisch. Wenn ich das dort erzählen würde, hieße es gleich, ich hätte zu tief ins Glas geguckt“, sagt der Landwirt versonnen, dessen Traktor unweit des Geschehens im Gebüsch tuckert.

Was die drei so fesselt? Ein schwarzer Punkt ganz an der Spitze eines der Windmühlenflügel. Von Weitem wirkt er wie ein riesiger Käfer. Erst wer unter dem Windrad steht, kann erkennen, dass hier ein Mensch am Werk ist. In 140 Metern Nabenhöhe ist er aus dem Maschinenaufsatz der gigantischen Anlage geschlüpft und krabbelt nun den nach unten zeigenden Flügel entlang. Seit fast einer Stunde schon beobachten die drei Männer am Boden dieses Treiben. Seit sie „Spiderman“ entdeckt haben. „Guckt mal. Der arbeitet sogar frei mit beiden Händen“, raunen sie sich fasziniert zu. Können den Blick kaum lösen von der schwarzen Gestalt, die sich Meter für Meter am Carbonflügel entlang nach unten bewegt.

Was hier geschieht? Die Windmühlenflügel sind im Vergleich zu ihren gigantischen Ausmaßen nicht nur federleicht, sondern auch mit jeder Menge Technik ausgestattet. Die müsse regelmäßig durch eine Art TÜV, erklärt Alexander Wiethüchter, der kaufmännische Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Wind. Gewartet werden bei dieser Inspektion auch die Sensoren, die Alarm schlagen, wenn sich bei frostigem Schmuddelwetter eine Eisschicht auf den Rotorblättern bildet und die Gefahr besteht, dass die Flügel die Brocken durch die Gegend schleudern. Dann nämlich schaltet die Anlage automatisch ab und kann, übrigens manuell von einem Partner vor Ort, erst wieder in Gang gesetzt werden, wenn die sensiblen Fühler Entwarnung geben. Klare Sache, dass bei so einer Wartung der eine oder andere Fühler ausgetauscht werden muss.

Hier kommt „Spiderman“ ins Spiel. Er heißt im wirklichen Leben Marin Marinow, ist in Bulgarien geboren, lebt aber schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in Berlin. Anfangs habe er als Bühnenbauer gearbeitet, erzählt er - in Theatern weltweit, aber hauptsächlich auf riesigen Festivals, wo gigantische Technikbauten wie etwa Lichtmasten zur Grundausstattung zählen.

2015 hat sich Marin Marinow dann weitergebildet zum Industriekletterer. „Das hätte ich schon viel früher machen sollen“, sagt der 44-Jährige lachend, denn die Arbeit sei unglaublich vielseitig. Überall auf der Welt kommt Marin Marinow herum und Experten wie er werden händeringend gesucht. Zum Beispiel für die Wartung der riesigen Offshore-Windkraftanlagen. „Wenn wir da einen Auftrag haben, bin ich immer zwei Wochen am Stück draußen auf dem Meer und zwei Wochen dann wieder an Land“, erzählt er. Und dass man sich an das Arbeiten in so großen Höhen gewöhnen könne. Oder dass die Industriekletterer sich über den Winter, wenn es weniger Aufträge gebe, mit Joggen und Krafttraining fit halten.

Klar verdiene man ein gutes Geld in diesem Metier, gibt Marin Marinow unumwunden zu. Aber auch er müsse jede Menge Steuern und Abgaben leisten. Hinzu kämen Unsummen für Versicherungen - nicht nur, falls ihm etwas passieren sollte, sondern vor allem, wenn an den teuren Anlagen irgend etwas daneben geht. Und schließlich gehe auch die überlebenswichtige Ausrüstung richtig ins Geld. Arbeits- und Sicherungsseile, die mehr als 3,6 Tonnen Gewicht halten müssen und hunderte Meter lang sind. Hakenkonstruktionen, die es erlauben, freihändig in derartigen Höhen zu agieren. Was gewaltiges Staunen auslöst bei allen, die von unten zugucken.

Ein Video vom Einsatz gibt es unter www.tagespost de

Fakten zum Windpark Büttenbuch

Der Windpark Büttenbuch zwischen Eschach und Holzhausen ist in zwei Etappen entstanden: drei Anlagen mit je 140,6 Meter Nabenhöhe und 116,8 Metern Rotor-Durchmesser wurden im März 2016 gestellt, eine vierte Anlage kam im September 2019 dazu.

Im Jahr 2020 haben die vier Anlagen 18,5 Millionen Kilowattstunden Strom produziert. Rein rechnerisch wurden damit 4100 Vier-Personen-Haushalte mit einem Verbrauch von 4500 Kwh versorgt.

Aus der Ferne ist Marin Marinow am Flügel des riesigen Windrades kaum zu erkennen. Foto: aks

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