Die Geschichte von der süüüßen Sau

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Elke Wengert mit dem Minischwein, das vor Hunger aggressiv wurde.
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Warum es keine gute Idee ist, sich aus einer Laune heraus ein Haustier zuzulegen und warum der Hund farblich nicht zum Sofa passen muss. Expertinnen zu sekundären Coronafolgen.

Göggingen

Der war einfach soooo süüüß!“ Das bekam Elke Wengert als Ausrede zu hören. Das mit dem süüüß, kann sie zwar bestätigen - auch ihr ist das kleine Schwein ans Herz gewachsen, das sie nun vier Tage lang in der Wildtierauffangstation betreut hat. Dass es aber immer mehr Menschen gibt, die aus solcher Emotion heraus handeln und damit sich und die jeweiligen Tiere unglücklich machen, das beobachtet sie mit großer Sorge, mit Unverständnis und manchmal auch verärgert. Und nicht nur sie.

Doch hier zunächst die Geschichte von der ach so süüüßen Sau. Als „kleinstes Schwein der Welt“ wird diese Rasse gehandelt. Was den Züchtern rührselige Kundschaft und den Tieren großen Kummer einbringe, sagt Elke Wengert und erklärt: 40 Gramm Mineralpulver mit Schrot und Salat sollen diese Tiere am Tag bekommen. Das nennt sie eine wahnsinnige Strafe für die kleinen Schweine. Denn die bekämen deshalb nicht genügend zu fressen, damit sie auf jeden Fall klein und leicht bleiben. Denn würde man normal füttern, dann wöge das angebliche Acht-Kilo-Tier am Ende um die 80 Kilogramm, hat die Wildtierexpertin recherchiert.

In Kontakt mit der Materie ist Elke Wengert gekommen, weil eine verzweifelte Mutter bei ihr angerufen habe. Die Familie lebt mit Kindern und Hunden in einer Wohnung mit Parkettboden. Das kleinste Schwein der Welt hatte man im Internet entdeckt und für teures Geld gekauft. „450 Euro haben die dafür ausgegeben“, erzählt Elke Wengert kopfschüttelnd.

Denn, wie zu erwarten, währte die Freude kurz: Das zwar anhängliche und auch stubenreine Schweinchen wurde aggressiv, weil es zu wenig Futter bekam; es wurde größer und machte aus lauter Langeweile viel kaputt; es bekam von der ungesunden Haltung Milben und eine total schlechte Haut.

Das Schweinchen hatte Glück im Unglück. Elke Wengert, die in ihrer Station nur Wildtiere aufnimmt, konnte sie helfen. Sie konnte einen Platz auf einem Gnadenhof ausfindig machen, an dem das Tier nun bleiben und sich artgerecht entwickeln darf. „So wird es wenigstens nicht noch von Besitzer zu Besitzer rumgereicht“, meint die Göggingerin und macht ihrem Ärger über unvernünftige Käufer und verantwortungslose Züchter Luft: „So etwas ist tierschutzwidrig und gehört eigentlich angezeigt“, findet sie.

Und dann spricht die Expertin über das Tierelend, das Lockdown und Homeofficezeit ausgelöst haben. Ob Exoten wie etwa Leguane, ob Haustiere wie Katzen und Hunde - sie werden angeschafft, weil man jetzt gerade Zeit hat, um die Leere zu füllen, Gesellschaft zu leisten. Und sind dann schnell überflüssig oder lästig oder nicht mehr zu bändigen, wie etwa der Rottweiler, der aus Eifersucht das Kind beißt und den Besuch anknurrt.

„Die Menschen leben im Ist und haben immer weniger Bezug zu Tieren und zur Natur“, bestätigt auch Simone Kaiser vom Tierheim Dreherhof, wo immer mehr Katzen angeliefert werden, die nun doch nicht mehr in die auslaufende Coronazeit passen oder junge Kätzchen, weil unbedarft Pärchen angeschafft wurden, die „plötzlich“ Nachwuchs bekommen haben. Oder Hunde, die ohne großes Nachdenken und ohne Kenntnis der Rasse und deren Eigenschaften und Bedürfnisse gekauft wurden. „Das krasseste Argument, das ich mal gehört habe, war: Der hat so gut zur Farbe des Sofas gepasst“, erzählt Simone Kaiser von einem dieser Hundekäufe.

Dass dem Jagdhund auch mit Training der über Jahrhunderte angezüchtete Trieb nicht abzugewöhnen ist, werde den unbedarften Beteiligten schmerzlich bewusst, wenn es längst zu spät ist.

Deshalb raten die Fachfrauen dringend, sich die Anschaffung eines Tieres gründlich zu überlegen. In dem Bewusstsein, dass der Charakter wichtiger ist als das Aussehen; dass man für ein Tier über viele Jahre die Verantwortung hat; dass es klug ist, sich über Rasse und Tierart vorab sehr genau zu informieren.

Wie man die Anschaffung eines Tieres plant

  • Gründlich überlegen - am besten den Familienrat einberufen oder sich mit Freunden besprechen - und dabei die Fragen beantworten: Wie soll das Tier sein? Wer hat wann wie viel Zeit? Gibt es einen „Notfallplan“ oder eine Urlaubsbetreuung für das Tier?
  • Die Antworten auf diese Fragen auf einen Zettel schreiben und diesen nochmals zur Seite legen. Erst wenn nach längerer Bedenkzeit der Wunsch weiter besteht, nach einem geeigneten Tier suchen.
  • Ganz besonders wichtig ist dabei der Charakter der Rasse oder Tierart. Nach seriösen Züchtern suchen. Oder sich im Tierheim informieren und sich dort ein womöglich in Frage kommendes Tier vorstellen lassen.
  • Beim Tierheim Dreherhof gibt es derzeit viele Katzen und immer Rat.
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