Falsch verstandene Tierliebe?

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Wildtierauffangstation Elke Wengert
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Bei der Wildtierauffangstation von Elke Wengert in Göggingen kommen viele Igelkinder an, aber nicht alle sind wirklich bedürftige Notfälle. Woran man wirklich erkennt, wenn ein Igel Hilfe braucht.

Göggingen

Seit Elke Wengert in Göggingen ihre Wildtierauffangstation betreibt, hat die Tierfreundin unzähligen Tieren, mit Fell oder Federn, das Leben gerettet.

Das ganze Haus in der Gögginger Stuifenstraße gleicht einem Lazarett, Kisten und Boxen soweit das Auge reicht. Die meisten der kleinen Patienten sind Igelkinder. Seit Anfang August hat Elke Wengert über 100 Igelkinder zum Aufpäppeln im Haus, „täglich kommen Neue hinzu“. In der vergangenen „Igelsaison“ die bei Wengerts von August bis August gezählt wird, wurden der Tierschützerin 510 Tiere gebracht.

Bloß keine Katzenmlich geben

Die große Zahl von Igelbabys, die derzeit abgegeben werden, erschüttert Elke Wengert sichtlich. Viele der kleinen stachligen Tiere hätten gar keine Hilfe nötig erklärt die Fachfrau, aber „die Leute sammeln im Garten alles auf, was nicht bis drei auf den Bäumen ist“. Dabei sei das Einsammeln gar nicht das große Problem, schlimmer sei der Versuch vieler vermeintlicher Tierfreunde, die Kleinen selbst aufpäppeln zu wollen. „Das klappt nie“, stellt Elke Wengert klar, im „Minizustand“ benötigen die Tierchen alle zwei Stunden ihr Milchfläschchen - „aber um Himmels Willen keine Katzenmilch“, hier wird oft der erste Päppelfehler begangen.

Wengert weiß, dass viele Tiere oft tagelang in Kisten beim Finder ein unschönes Leben führen, „bitte keine Tierversuche mit Igeln oder anderen Tieren“ bittet sie. Erst wenn die Igelkinder in einem sichtbar schlechten Zustand seien und die Nahrungsaufnahme einstellen, wenden sich viele an Elke Wengert.

Oft sind sich die Kleinen, wenn sie allein den heimischen Garten erkunden, in gar keiner Notsituation, betont Elke Wengert. Nachts macht sich Mama Igel auf zur Nahrungssuche, um sich tagsüber davon zu erholen. Diese Stunden der Unaufmerksamkeit nutzen die Babys um ihre Umgebung zu erkunden, „sie wissen aber ganz genau, wo das Nest ist“. Zwischen 70 und 100 Gramm wiegen die Winzlinge zu diesem Zeitpunkt. Wenn die stachligen Babys jetzt eingefangen und von der Mutter getrennt werden, kann dies oft den Tod für die Kleinen zur Folge haben.

Grundsätzlich, so die Igelspezialistin, sind Igel erst in einer Notsituation wenn sie in einer Seitenlage gefunden werden. Ist ihr Stachelfell erkennbar mit Fliegen und Maden übersät, dann herrscht „Alarmstufe Rot“, die einzige richtige und überlebensnotwendige Handlung muss jetzt der Weg zur Auffangstation sein.

Haben die Kleinen ein Handicap, bei dem die Mutter instinktiv ahnt, das Tier kommt nicht durch, so legt das Muttertier das Kind vor dem Nest ab, auch hier ist eilige Hilfe erforderlich. Von 100 Jungtieren überleben lediglich 20 Igel, ein Umstand, der den heimischen Igel wahrscheinlich bald zu einer bedrohten Tierart macht. Oft führen auch unbedachte Handlungen zum Tod der Tiere, „die Igelfamilien werden durch ständiges Beobachten gestört“, die Mutter nimmt dann oft Reißaus und überlässt die Kleinen ihrem Schicksal.

Jedes Tier ist es wert gerettet zu werden.“

Elke Wengert, Tierretterin

Unter Artenschutz

Auch das „Schau mal und nimm ihn in die Hand“ hat tödliche Folgen für die Jungtiere. Es kommen immer mehr Anfragen von Grundstücksbesitzern, die „die Igel aus dem Garten haben möchten“, die Gründe dazu sind vielfältig, aber allen Gartenbesitzern muss klar sein, „dass Igel unter Artenschutz stehen“, das bedeutet: Igel dürfen weder gefangen, verletzt oder gar getötet werden, der Gesetzgeber hat dafür hohe Bußgelder vorgesehen. Mähroboter mögen praktisch sein, sie bringen den Tieren aber abscheuliche Verletzungen bei, erklärt Elke Wengert traurig und dass, obwohl der Lebensraum der Tiere nach und nach sowieso immer weiter zerstört wird. „In den aufgeräumten Gärten finden die Tiere keine Nahrung und keinen Schutz mehr.“

Was tun nach Auto-Kontakt?

Ein weiterer großer Feind der behäbigen Tiere ist der Straßenverkehr. Wengert weiß, dass oft ganze Familien überfahren werden. Lässt sich ein Unfall nicht vermeiden, so sei es unabdingbar, in der Umgebung nach Jungtieren zu schauen „oft sind die Igel im Familienverbund unterwegs“. Alle Wildtiere, die zu Elke Wengert kommen, haben eine gute Chance nach dem Gesundwerden wieder in die Natur ausgewildert zu werden.

Ohne Unterstützung von Tochter Tatjana und den Fläschengeberinnen Hilde, Ilona, Petra, Anja und Marina und weiteren Mitstreitern würde Elke Wengert auf verlorenem Posten kämpfen. Die Tierrettung ist zudem teuer; Tierarztkosten, Spezialfutter und Medikamente verschlingen im Monat rund 1000 Euro. Finanzielle Unterstützung ist aus keiner Richtung in Sicht, die Wildtierrettung finanziert sich rein aus Spenden. Warum nimmt Elke Wengert das alles auf sich? „Tiere sind ehrlich“ meint sie und „Jedes Tier ist es wert gerettet zu werden“.

Übrigens, heimische Igel kann man am besten unterstützen indem man sie ganzjährig füttert, „es genügt Katzenfutter, nass oder trocken“ an einem für Katzen unzugänglichen Ort und stets frisches Wasser.

Info: Die Wildtierauffangstation Elke Wengert kann man finanziell unterstützen: IBAN DE03 6149 0150 1038 305 420.

Wildtierauffangstation Elke Wengert
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