Gesunde Jungtiere in Ruhe lassen

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Desinfizieren, gesund pflegen, füttern: Elke Wengert (oben links) und ihre Nachbarin Hilde Maier müssen sich aktuell um 170 junge Igel kümmern, die teilweise mit teurem Spezialfutter aufgepäppelt werden müssen und in ihrer Gesamtheit tonnenweise Katzenfutter verschlingen.
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Hilferuf aus der Wildtierstation: Helfer "ersticken" in Igeln. Elke Wengert erklärt, warum auch tierliebe Spaziergänger derzeit junge Igel unbesorgt in der Freiheit belassen können.

Göggingen

Wohin das Auge blickt – überall Igel. Elke Wengert wird in ihrer Wildtierauffangstation zurzeit quasi überschwemmt mit Fundtieren, notiert in ihrem alljährlichen Igeltagebuch, das sie immer im August neu startet, so viele Pfleglinge wie noch nie.

Das Kuriose: Etwa 120 der inzwischen 170 vermeintlich hilflosen Igel, die ihr gebracht wurden, hätten in der freien Natur überlebt, wenn die Menschen sie in Ruhe gelassen hätten, schätzt Elke Wengert. Und dann erklärt sie das auch: Jetzt, im frühen Herbst, seien die Igelmütter nachts auf Tour, fressen sich satt, um genug Milch für ihre Jungen produzieren zu können. Zurück im Nest könnten sich die Igelkinder dann an dieser Milchbar nach Belieben bedienen, wagten aber durchaus auch die eine oder andere kleine Tour, um die Umgebung zu erkunden und womöglich selbst kleinere Leckereien zu erhaschen. Deshalb, sagt Elke Wengert, brauche zurzeit noch nicht jeder kleine Igel menschliche Hilfe. Mindestens sechs bis sieben Wochen hätten die Jungtiere noch Zeit, um sich das für den Winterschlaf notwendige Gewicht anzufressen – "und die Igelmutter und die Natur können ihnen dabei die viel bessere Nahrung liefern, als wir mit unserem Katzenfutter und dem Milchfläschchen." Erst im November werde die Zeit kritisch für Igel, die sich noch nicht genügend Winterspeck angefressen haben.

Die Wildtierexpertin also bittet alle, die in der Natur unterwegs sind, einen jungen Igel zunächst zu beobachten und nur zu reagieren, wenn der Kleine torkelt, zittert oder flachliegt oder voller Maden oder Zecken ist. Auf keinen Fall aber, das Tier nach Hause zu nehmen und quasi im Selbstversuch zu "päppeln" – das brauche Erfahrung und sei für viele Igel das sichere Todesurteil, erzählt Elke Wengert. Immer wieder bekomme sie solche Tiere, die von den vermeintlichen Rettern erst gebracht würden, wenn diese merkten, dass ihre Pfleglinge nicht mehr fressen und die kompetente Betreuung richtig viel Arbeit bedeutet.

Was aber auch bedeutet, dass Elke Wengert angesichts ihrer 170 Pfleglinge die Sache schier über den Kopf wächst. "Hätte ich nicht die Unterstützung von Hilde Maier und Petra Stegmaier aus der Nachbarschaft oder von Ilona Taubert und einigen anderen, die regelmäßig kommen, würde ich den Tieren längst nicht mehr gerecht werden können", erzählt die Igelexpertin. Auch die Familie leistet wertvolle Hilfe, allen voran Tochter Tatjana und Ehemann Sigurd, der angesichts der aktuellen Situation stöhnt: "Ich sehe meine Frau kaum noch. Die ist rund um die Uhr bei den Igeln."

Erst im November wird es für Igel kritisch.

Elke Wengert, Wildtierexpertin

Froh ist Elke Wengert auch über die Unterstützung von einigen Tierärzten aus der Region. Angewiesen ist die Wildtierstation angesichts der Unmenge an Patienten auf Futter und Geldspenden. Leider sei das für die jungen Igel notwendige Spezialfutter ziemlich teuer, sagt sie.

Was Elke Wengert dringend rät: die auf den ersten Blick gesunden, vermeintlich hilflosen Igel nicht anfassen. Weggehen und ihnen eine Chance geben, ins Nest zur Mutter zurückzukommen. Lieber später nochmals die Situation überprüfen. Eventuell in Göggingen anrufen und um Rat fragen. Verletzte Tiere in der Station vorbeibringen. Nicht selbst füttern oder päppeln.

Kontakt: Tel. (07175) 8773, Spendenkonto: DE 03 61490150 1038305420.

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