Keine Zeit für dumme Gedanken

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Auch der richtige Köder gehört dazu: Die Blinkerattrappe (oben rechts) lockt Raubfische, Maden und Würmer eher jene am Seegrund - so wie den riesigen Schuppenkarpfen.
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Warum das Angeln alles andere als eine langweilige Beschäftigung ist. Ein Nachmittag mit Martin Achatz und Armin Gold vom Bezirksfischereiverein Lein-Rems am Götzenbachsee.

Göggingen

Stundenlang still sitzen und aufs Wasser schauen? Das muss doch todlangweilig sein. Es ist wohl diese Behauptung, die Martin Achatz zum Widerspruch reizt. Immerhin ist er seit mehr als 25 Jahren Mitglied im Bezirksfischereiverein Lein-Rems. „Sie müssen“, wirbt er für seine liebste Freizeitbeschäftigung, „einfach mal vorbeikommen und es miterleben.“

Abgemacht. Vereinbart ist ein Treffen am Götzenbachstausee. Ohne Rücksicht aufs Wetter in diesem frostigen Sommer. Also werden lange Hosen angezogen, dicke Socken, feste Schuhe, lange Ärmel gegen die Schnaken. Ein warmer Kittel, ein Klappstuhl. Und los geht's. Wenigstens ist es trocken an diesem Spätnachmittag.

Am See sind wir dann zu dritt. Armin Gold ist mitgekommen. Der Gewässerwart und - wie Martin Achatz gleich gesteht - „der bessere Angler“. Schließlich, scherzen die beiden, wolle man dieses Hobby ja von seiner besten Seite zeigen. Dazu gehöre, dass auch ein Fang gelingt.

Erste Lektion und Überraschung: Leise sein ist gar nicht nötig. Zumindest nicht hier am Stausee. Wenn er an der Lein sein Glück versuche oder an einem der eher versteckten bayerischen Seen, die der Verein gepachtet hat, dann sei das etwas anderes. „Aber hier, am Freizeitsee, sind die Fische die Unruhe gewöhnt.“ Und halten sich tagsüber sowieso eher in der Mitte des Gewässers auf. Oder tief unten am Grund.

Also reden die Experten hier frei von der Leber weg über all das, was man für ihre Passion wissen muss: dass jedes Mitglied ein Fangbuch führt zum Beispiel. Vor jedem Angelabenteuer wird hier die Streckennummer eingetragen – der Götzenbachsee hat die zwei – und das Fangergebnis im Detail. Diese Daten werte der Gewässerwart regelmäßig aus. Sie sind die Basis für den sogenannten Nachbesatz. Um das Gleichgewicht im Gewässer nachhaltig zu sichern, setze der Verein immer wieder Fische unterschiedlicher Art und Größe, sprich Alters, ein.

Darüber hinaus gebe sich, als Ergänzung zu den gesetzlichen Bestimmungen, jeder Verein seine eigenen Statuten. Bei den Bezirksfischern Lein-Rems dürfen Gäste zum Beispiel nur angeln, wenn ein Vereinsmitglied dabei ist. Und auch die Menge der Edelfische, die aus den vom Verein gepachteten Seen, Flüssen und Bächen entnommen werden darf, ist genau reglementiert.

Während sie ihre Angelruten aus den Spezialtaschen schälen und zusammensetzen, erzählen Martin Achatz und Armin Gold von unterschiedlichen Fangmethoden, unterschiedlich stabilem Material und unterschiedlich starker Angelschnur. Sie zeigen die Wurftechnik und wie mit Hilfe des Schwimmers die Wassertiefe ausgelotet wird. Kurz über Grund wollen sie heute ihr Glück versuchen, am liebsten einen ordentlichen Karpfen fangen.

Und schon tanzt der schmale rote Schwimmer, auch Poser genannt, relativ weit draußen auf dem Seewasser, das der Nordostwind in gehörigen Wellen ans Ufer treibt. Keine Sekunde darf man diesen Anzeiger aus den Augen lassen, denn seine Bewegung verrät, ob sich etwas im Haken verfangen hat. Ein Fisch womöglich, der sich an den Maden und Regenwürmern gütlich tut, die Armin Gold vorher aufgespießt hat.

Sobald sich der Poser ungewöhnlich bewegt, wird der Profi wachsam. Wenn die Schnur Angelschnur dazu läuft, ist Alarmstufe orange. „Das ist noch Spiel. Der Zug geht noch zu wenig nach unten“, sagt der Könner und - kurz darauf - ein Ruck an der Rute: Da ist was dran. „Vermutlich aber was Kleines“, fühlt Armin Gold sofort und entfernt wenig später mit geschicktem Spezialzangeneinsatz den viel zu jungen Weißfisch vom Haken. Der darf zurück in die Freiheit. Noch wachsen.

Langweilig? Keine Sekunde. Ständig bewegt sich etwas am Schwimmer. Konzentriertes Beobachten lässt keine dummen Gedanken zu. Die erste Stunde vergeht quasi im Flug. Und dann tatsächlich, das unverdiente Glück des neugierigen Spötters, der miterleben darf, wie Armin Gold den größten Schuppenkarpfen dieser und vermutlich auch der letzten und vorletzten Saison aus dem Wasser zieht. Geschätzt sechs Jahre ist der Fisch alt, bringt mehr als zwölf Pfund auf die Waage und kostet seinen Angler viel Kraft und Geschick.

Damit die Schnur nicht reißt, muss Armin Gold immer wieder Leine geben, ist „total kaputt“, als die Beute schließlich mit Hilfe von Martin Achatz am Kescher waidgerecht an Land gebracht wird. Ein Erlebnis, das auch geübte Angler selten haben dürften. Das aber ahnen lässt, warum das Fischen eine Leidenschaft ist - ganz abgesehen davon, dass die Ruhe und Beschaulichkeit am einsameren Gewässer auch ihren Reiz haben können.

"Hier sind die Fische die Unruhe gewöhnt."

Martin Achatz, Angler
  • Der Verein und die Vorschriften
  • Der Bezirksfischereiverein Lein-Rems hat rund 700 Mitglieder. Er bewirtschaftet 75 Kilometer Fließgewässer und etwa 24 Hektar Stau- und Baggerseen. Die Hauptgewässer sind: der Reichenbachstausee bei Spraitbach, der Götzenbachstausee bei Göggingen, der Rehnenmühlestausee bei Durlangen, der Alfred-Kehl-See bei Günzburg, der Berger See bei Gundremmingen, die Rems einschließlich Nebengewässer von Mögglingen bis Lorch, mit Ausnahme kleiner Teilstücke sowie die Lein einschließlich Nebengewässer von Kapf bis Horn, mit Ausnahme kleiner Teilstücke.
  • Wer heute Angeln will, muss den Fischereischein bestehen. Dazu müssen verschiedene Schulungen absolviert sowohl eine theoretischen wie auch eine praktische Prüfung absolviert werden. Wildes Angeln irgendwo am Gewässer ist verboten. Erst in diesen Tagen hat die Polizei drei Männer erwischt, die bei Schwäbisch Hall illegal Fische aus dem Kocher geholt hatten. „Allen drei Männern droht nun eine Strafanzeige“, schreiben die Ordnungshüter.
  • Wer sich fürs Angeln interessiert, kann sich unter www.bfv-lr.de an den Verein wenden. Die Bezirksfischer wollen in der Vereinsgröße zwar nicht weiter wachsen. Wenn aber ein Mitglied ausscheidet, können neue Interessenten aufgenommen werden, sagt Martin Achatz.
Bezirksfischereiverein
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