Graugänse und Jauche in Verdacht

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2020 schwammen Unmengen von Blaualgen im Plüderhäuser Badesee, das Baden wurde verboten. Warum sich die Bakterien so vermehren, untersucht Jennifer Lloyd-Pippich in ihrer Masterarbeit.

Mehrere Interessierte suchen nach den Gründen für die oft explosionsartige Vermehrung von Blaualgen im Plüderhäuser Badesee.

Plüderhausen

Rolf Weller kreist mit dem Finger über eine bunte Grafik. „Das hier ist die Kernaussage meiner Beobachtungen“, sagt der Plüderhäuser und erklärt: „Viele Blaualgen gibt es im See dann, wenn die Wassertemperatur steigt und kurz vorher die nahen Felder gedüngt wurden.“ Denn dann erhöhe sich die Belastung des Wassers durch bestimmte Bakterien. Und im Wasser würden vermehrt Blaualgen wachsen.

Weller beobachtet seit über zehn Jahren den Plüderhäuser Badesee. Aus persönlichem Interesse an Daten und Auswertung: „Zuerst ging es mir nur um das Messen der Temperatur.“ Später ergänzte er seine Messungen um offizielle Werte zum Bakterienaufkommen. Und markierte Zeitpunkte, an denen auf den umliegenden Feldern Jauche aufgetragen wurde. Im Ergebnis vermutet er, warum in den vergangenen Jahren so viele Blaualgen im See vorkamen. So viele, dass die Gemeindeverwaltung auf Warnschildern vom Baden abriet. „Nicht zuletzt sind die vielen Graugänse ein Problem“, sagt Rolf Weller. Weil die immer mehr werden und viel Kot am und im See hinterlassen.

Das bestätigt Martin Dannenhauer. Der Seewart vom Ordnungsdienst hat in diesem Jahr erstmals Maßnahmen gegen die großen Wasservögel getroffen. „Seit gut sechs Wochen vergräme ich sie“, erzählt er. Zum einen verscheuche er sie mit der roten Trillerpfeife, die um seinen Hals baumelt. Zum anderen hat Dannenhauer beinahe ums komplette Ufer Zäune gespannt. „Jetzt verschwinden die schon, wenn sie mich nur kommen sehen“, sagt er zufrieden. Bleiben die Gänse weg, komme kein Kot ins Wasser. Der wiederum beinhalte, wie Jauche auch, Nahrung für die als Blaualgen bekannten Cyanobakterien. Dannenhauer erzählt aber auch, dass nicht nur die Hinterlassenschaften der Tiere das Problem seien. „Wer beim Baden ins Wasser pinkelt, trägt auch dazu bei.“

Warum sich im See 2019 und vor allem 2020 so viele Algenblüten entwickelten, möchten Gemeinderat und Verwaltung fundiert untersuchen lassen. „Die Blaualgenbelastung ist eine echte Herausforderung für das Ökosystem“, erklärt Ludwig Kern. Deswegen habe man bei der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen angefragt, ob diese das Thema näher betrachten wolle, erzählt der Leiter des Bauamts. Seit April untersucht nun Jennifer Lloyd-Pippich den See. Die Masterandin schreibt darüber ihre Abschlussarbeit.

„Im Rahmen der Masterthesis sollen mögliche Gründe für das Blaualgenaufkommen ausgemacht und Handlungsmaßnahmen erarbeitet werden“, erklärt sie. Gründe heraufzufinden sei schwierig, da Blaualgen sehr vielseitig und komplex seien. „Ich werde bis einschließlich Juli eine physikalisch-chemische Untersuchung und eine hydrochemische Analyse mit Schwerpunkt Stickstoff- und Phosphorverbindungen durchführen.“ Dabei untersuche sie den pH-Wert sowie die Leitfähigkeit, Sauerstoffsättigung und Sichttiefe des Wassers. Die Proben stammen aus drei Bereichen des Sees aus zwei unterschiedlichen Tiefen: „Abgedeckt sind der Kinderbereich, die Bojenbegrenzung vom Schwimmer- und Anglerbereich und der Anglerbereich.“ Die Masterandin möchte in ihre Arbeit außerdem die Vor- und Nachteile bereits erfolgter Maßnahmen und Seetherapien in anderen betroffenen Gebieten einfließen lassen. Sie rechnet damit, dass ihre Masterarbeit bis September vorliegt.

„Wenn die Studie Ursachen eingrenzen kann, versuchen wir, diese zu beheben“, sagt Ludwig Kern. Die Gemeinde wolle „nicht irgendwas“ machen. „Sonst vertun wir Geld oder lösen Konflikte aus, die nicht sein müssen.“ Immerhin werde der See von vielen Menschen genutzt, sowohl zum Baden als auch zum Angeln. Entwarnung für den Sommer könne Kern nicht geben: „Momentan ist das Wasser klar und einwandfrei.“ Wie das künftig aussehe, sei reine Spekulation.

Seit gut sechs Wochen vergräme ich sie.“

Martin Dannenhauer,, Seewart

Was sind denn Blaualgen?

Blaualgen heißen auch Cyanobakterien und verdanken ihren Namen ihrer blau-grünlichen Färbung, erläutert die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg. Anhaltend hohe Temperaturen gemixt mit einem Überangebot an Stickstoff und Phosphor würden vor allem im Sommer für ein explosionsartiges Wachstum der Algen sorgen. So schon mehrfach geschehen in Plüderhausen. Denn wer in Kontakt mit den Algen kommt oder das kontaminierte Wasser verschluckt, könne Haut- und Schleimhautreizungen, Bindehautentzündungen, Ohrenschmerzen, Durchfall, Fieber und Atemwegserkrankungen erleiden. Besonders für Kleinkinder, aber auch für Hunde bestehe ernsthafte Gefahr. Übrigens scheint der Algenbefall nichts mit der Wasserqualität zu tun zu haben. Eine mikrobiologische Untersuchung des Plüderhäuser Sees durch das Landesgesundheitsamt im September ergab laut Prüfbericht „keine Beanstandung“. cop

Rolf Weller beobachtet den Plüderhäuser See bereits seit über zehn Jahren.

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