ARD-Korrespondent Roth: „Ich hatte Tränen in den Augen“

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Wolfgang Heim und Thomas Roth im Bilderhaus
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In Teil zwei der neuen Reihe „Wolfgang Heim im Gespräch“ erzählt ARD-Korrespondent Thomas Roth auch von Begegnungen mit Nelson Mandela oder Michail Gorbatschow.

Gschwend

Es beginnt so ähnlich wie ein Klassentreffen: Zwei Radio-Urgesteine - Wolfgang Heim und Thomas Roth - beide stammen aus Heilbronn, beide einst Moderatoren der legendären SDR 3 Jugendsendung Point - plaudern über gemeinsame Zeiten. Amüsant, mehr auch nicht.

Ganz plötzlich wechselt die Stimmung. Thomas Roth ist jetzt weg vom Radio. Beim Fernsehen. Korrespondent in Südafrika. Live dabei, wie Nelson Mandela an der Hand seiner Frau Winnie das Gefängnis verlässt. Sieht selbst, wie der „schlanke, große, charismatische und hoch gebildete Mann“ vom Balkon des Rathauses in Kapstadt und wenige Tage später vor 150 000 Menschen im FNB-Stadion in Johannesburg redet. „Diese riesige wahnsinnige Masse hätte in diesem Moment alles getan, wozu Mandela sie aufgefordert hätte“, erzählt Roth. Und ihm bricht noch über 30 Jahre später leicht die Stimme, wenn er den Beginn von Mandelas Rede wiederholt: „'This is a message of peace'. Ich hatte Tränen in den Augen“, gesteht der Korrespondent.

Humanität und Charisma

Er macht keinen Hehl aus seiner Verehrung für den südafrikanischen Staatsmann, der aufgeschlossen und unkompliziert gewesen sei, ihm später zum Beispiel mal in einem Interview den Hinweis gegeben habe: „Your hair is a little bit too long“.

Ähnliche Humanität, ähnliches Charisma, eine ähnliche Authentizität sei ihm noch einmal begegnet: bei Michail Gorbatschow, erzählt Thomas Roth im Bilderhaus weiter. „Genau zum richtigen Zeitpunkt“ war er nach Russland versetzt worden. Erlebt dort nicht nur den Präsidenten, der mit Glasnost und Perestroika das Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges einleitete - „eine übermenschliche Leistung. Danach hatte ich aber irgendwie das Gefühl, seine ganze Lebensenergie war futsch“, erinnert Roth. Der dann zusammen mit Gerd Ruge auch unmittelbar dabei war bei jenem Putschversuch, der Gorbatschows Abgang einleitete. „Ich habe Jelzin auf dem Panzer gesehen. Wie er das Blatt aus der Tasche zieht und vor zehntausenden Demonstranten zu den Soldaten spricht.“

Gebannt lauscht das Publikum. Könnte gefühlt stundenlang zuhören, wenn Thomas Roth über Russland erzählt. Wie etwa von einer Fahrt durch die vollkommen zerstörte tschetschenische Hauptstadt Grosny, wo die gespenstische Totenstille nicht nur ihm Angst gemacht habe. „Szenen des grausamen Tschetschenienkrieges gehören zum Schlimmsten, was ich gesehen habe. Ich träume heute noch manchmal davon“, sagt er.

Und hat sich vielleicht auch aufgrund solcher Erfahrungen vorgenommen, „immer das Undenkbare zu denken, damit wir uns wappnen können.“

Undenkbar sei für ihn, der dann in der Amtszeit Barack Obamas Korrespondent in New York wird, die Wahl „des Präsidenten gewesen, dessen Namen ich am liebsten gar nicht aussprechen würde“, formuliert Thomas Roth und räumt ein: Wie seine Kollegen habe er die Situation damals vollkommen unterschätzt. Die vier Trump-Jahre, analysiert er, haben das Amerikabild in Europa gewaltig verändert. Und eine Wiederkehr sei nicht undenkbar, fürchtet er, allerdings hauptsächlich, um gewappnet zu sein. Er sei froh, sagt Thomas Roth, dass aktuell Joe Biden im Weißen Haus das Sagen hat. „Man stelle sich nur mal kurz vor, Trump und Putin seien aktuell Gegenspieler ...“

Den russischen Präsidenten hält Thomas Roth für extrem gefährlich. Weil dieser als ehemaliger KGB-Mann das Tarnen und Täuschen perfekt beherrsche. Und vor allem weil Wladimir Putin der Ansicht sei, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte Katastrophe überhaupt gewesen sei. Und folglich alles daran setzen werde, die alte Einflusszone wieder herzustellen. Höchsten Respekt zollt der Ex-Korrespondent der Russlandpolitik der ehemaligen Kanzlerin. „Ich habe beobachtet, dass Putin Respekt vor ihr hatte.“ Angela Merkel habe, trotz Niederlagen, mit einer „Engelsgeduld“ wieder und wieder die heiklen Themen angesprochen. In perfektem Russisch übrigens. „Wäre sie jetzt noch Kanzlerin, wäre sie längst hingefahren, um zu verhandeln“, vermutet Roth mit Blick auf den Ukraine-Konflikt. Denn er findet zwar, dass Außenministerin Annalena Baerbock ihre Sache „ordentlich gemacht“ habe, dass aber längst die Staatschefs wie Macron nach Moskau müssten. „Europa müsste sich schneller finden und Biden müsste mit dazu kommen“.

Beste Info für kleines Geld

Und noch ein Thema liegt Thomas Roth sehr am Herzen: der öffentlich rechtliche Rundfunk. Schon Trumps Wahl zum Präsidenten wäre nicht denkbar gewesen, wenn es in den USA ein unabhängiges Medienangebot gäbe wie in Deutschland, meint er und rechnet vor: Was jeder hierzulande für kleines Geld, 18 Euro im Monat, an Informationen bekomme, dafür habe er in seinem New Yorker Haushalt ein Budget von 260 Dollar kalkulieren müssen. „Und hier können sie sich darauf verlassen, dass Journalisten nicht gekauft sind“, sagt er und fordert das Bilderhauspublikum angesichts des jüngsten ARD-Abschalten-Vorstoßes aus Mecklenburg-Vorpommern auf: „Lassen Sie das nicht einfach laufen. Halten Sie das öffentlich-rechtliche System fest. Wenn es einmal kaputt ist, baut das niemand mehr auf.“

Wolfgang Heim und Thomas Roth im Bilderhaus

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