Detektivarbeit im Archiv des Vatikans

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Religionswissenschaftler Professor Hubert Wolf sprach im Bilderhaus über seine Forschungsarbeit in den Archiven des Vatikans.
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Was Professor Dr. Hubert Wolf dem Publikum im Bilderhaus über den Beginn der Recherchearbeit zu Papst Pius XII. berichtet und was er schon jetzt Bewegendes gefunden hat.

Gschwend

Damit hab ich gar nicht gerechnet“, gesteht die Moderatorin Gaby Wild-Stecklum am Ende und hat „fast ein bisschen Herzklopfen“ ob der Wendung, die der Vortrag genommen hatte. Aus der süchtig machenden Detektivarbeit in den Archiven des Vatikans, wohin der Referent Professor Dr. Hubert Wolf sein Musikwinterpublikum mit Bildern, Textzitaten und vielsagenden Andeutungen mitnahm, hat der mehrfach preisgekrönte Wissenschaftler überraschend „seinen Traum“ formuliert, als Projekt vorgestellt und sogar Mitmachende gesucht.

Doch von vorne: Hubert Wolf, der aus Wört bei Ellwangen stammt, in Tübingen und München Theologie studiert hat, zum Priester geweiht ist und nach vielen spannenden Lebensstationen heute in Münster lehrt und an diversen Projekten etwa der Deutschen Forschungsgesellschaft beteiligt ist, zeigt im Bilderhaus an kleinen Beispielen eindrücklich auf, wie mühsam und zeitintensiv die saubere historische Arbeit ist. Mit einem siebenköpfigen Team hat er begonnen, in den bis März 2020 für die Forschung unzugänglichen Akten der Jahre 1939 bis 1958 in den Archiven des Vatikans die vom Schriftsteller Rolf Hochhuth erhobenen Vorwürfe gegen Pius XII. fundiert zu recherchieren. Warum hat der Papst geschwiegen, wo er hätte reden müssen? Was genau wusste der Oberhirte der katholischen Kirche von den Vernichtungslagern? Hat er, der in der Nachkriegszeit auch von jüdischer Seite als „der größte Wohltäter des jüdischen Volkes“ bezeichnet wurde, als einer, der die Stimme hob voller Mitgefühl, sich schuldig gemacht wie es Hochhuth 1963 in seinem christlichen Trauerspiel mit dem Titel „Der Stellvertreter“ darstellt.

Ein Foto aus dem Vatikanarchiv, dass einen Teil der 400 000 Dokumentenschachteln zeigt, die in diesen Katakomben allein über Pius XII. eingelagert und seit März 2020 zugänglich sind, macht deutlich, welche Sisyphusarbeit diese Wahrheitsfindung darstellt. Wobei Kirchenhistoriker Wolf mit einem kleinen Beispiel auch noch zeigt, wie schlampig oder absichtlich verwirrend besonders mit Fußnoten und Aktennotizen umgegangen wurde - „wenn jemand das bei mir in einer Seminararbeit machen würde, wäre er durchgefallen“, sagt der Professor.

Und offenbart dann, wie im Umfeld des Papstes vorurteilsgeprägtes Handeln den Pontifex quasi gefiltert informierte. „Der Papst wusste selbst, dass er nicht geredet hat“, sagt Hubert Wolf und belegt mit einem Briefzitat von Pius XII. dessen inneres Dilemma: „Die Überparteilichkeit des Amtes zwingt mich zum Schweigen“, und, „wo ich reden oder schreien möchte, ist mir Schweigen auferlegt“. Nur akribische - und ob der Fülle langwierige - Recherche, die das Umfeld sondiert und den Entscheidungsprozess offenlegt, könne zu einer Einschätzung führen, die den Beteiligten gerecht wird.

Und das ist dann die Überraschung: Was der Professor und sein Team im Vatikan schon gefunden haben, sind 1500 Briefe von verzweifelten Juden aller Nationalitäten, die von Rom Hilfe erbaten. Martin Wachskerz zum Beispiel. Seinen Brief, in dem er den Papst anfleht, ihn und seine Familie bei der Einreise in die Schweiz zu unterstützen, lässt Hubert Wolf vorlesen. Der Vatikan sei sofort über die Schweizer Nuntiatur aktiv geworden. Habe, wie in jedem der bislang untersuchten Fälle, umgehend versucht, zu helfen - „das ist ja etwas Gutes. Und das muss man auch sagen“, findet der Referent, den dieser und andere Briefe „sehr berührt“ haben.

Deshalb hat er sich ein Großprojekt auferlegt. Will den 1500 Verfolgten wieder Namen und Gesicht geben. Will mit Recherchearbeit Einzelschicksale erfassen, dokumentieren, Schüler einbeziehen, alles in Bildungsprojekte einmünden lassen. Damit das Wissen nicht verloren geht und „wir diese Erfahrung nicht noch mal machen müssen“. Hubert Wolfs Traum: Einen Enkel der 100 Juden, die damals mit Hilfe des Vatikans nach Brasilien auswandern konnten, für die Nachwelt die Bittschrift seiner Mutter lesen zu lassen. 

Wir wollen ihnen wieder ein Gesicht geben.“

Professor Dr. Hubert Wolf,, Religionswissenschaftler

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