Durch Verzicht die Welt retten

+
Niko Paech erklärt im Bilderhaus unterschiedliche Studien und die Idee der Postwachstumsökonomie.
  • schließen

Was Professer Niko Paech als Botschafter der Postwachstumsökonomie zum rendezvous an Konzepten mit ins Bilderhaus gebracht hat.

Gschwend

Hier beginnt sie, die Schmerzgrenze. Das zeigt die ungewöhnlich lange Diskussion beim letzten rendezvous der Saison im Bilderhaus. Hat Niko Paech mit seinem „All you need is less“ den Bogen überspannt?

Um Freiheit und Ökologie geht es in allen Vorträgen dieser rendezvous-Reihe. Und alle Referenten haben keinen Zweifel daran gelassen, dass ein Weiter-so nicht in eine gute Zukunft führen kann. Was an Nico Paechs Botschaft anders ist: Er macht jeden einzelnen verantwortlich für das, was auf und mit diesem Planeten passieren wird. „Wir können die Verantwortung nicht abgeben“, mahnt er - vor allem nicht an die Politik, die von Mehrheiten lebt. Und auch nicht an die Forschung.

Exakt am „Earth-Overshoot-Day“ für Deutschland, dem Tag also, an dem wir hierzulande die Ressourcen für 2022 komplett aufgebraucht haben - es ist diesmal der 4. Mai - predigt der preisgekrönte Wissenschaftler im Bilderhaus den Verzicht. Zunächst in kleinen Häppchen. Niko Paech beschreibt die Notwendigkeit zur Reduktion, redet über die Kunst der Unterlassung und die Fähigkeit zum Nein-Sagen. Klar, dass der gefragte Referent kein Smartphone hat. Aufspüren konnten die Bilderhaus-Organisatoren ihn trotzdem. „Wir wissen inzwischen alle, dass Fleischessen, Urlaubsreisen oder Autofahren schädlich für die Umwelt sind“, sagt er und warnt sein Publikum, sich vor den Konsequenzen zu verstecken. Wobei es ihm anfangs nicht um die vollständige Entsagung geht, sondern um „verantwortbare Dosierung“. Denn auch den Vernünftigen fehle die Übung im Verzicht.

Wie weit dieser idealerweise gehen sollte? Jeder Mensch produziere derzeit 12 Tonnen CO2 im Jahr. Die Reduktion auf eine einzige Tonne wäre das Ziel, führt er mit einer wissenschaftlichen Studie vor Augen, wie weit das europäische Wohlstandsmodell zurückgebaut werden muss.

Dabei, so warnt Niko Paech, könne die Technik zwar ein bisschen helfen, aber ohne einen kulturellen Wandel lasse sich das niemals erreichen. Zumal Windkraft und Fotovoltaik viel zu viel Fläche und Natur verbrauchten, um effektiv zu sein. „Höchstens man baut sie auf stillgelegte Autobahnen und Flughäfen.“

Was abhelfen und die Welt vielleicht noch retten kann? Für Niko Paech sind das Veränderungen, die in Nischen entwickelt werden. „Kleinen Rettungsbooten gleich“, werden sie von wenigen Weitblickenden erarbeitet. Zum Beispiel als ein Modell, das eine 20 Stunden Arbeitswoche vorsieht. Wobei sich die Menschen in der frei werdenden Zeit dann gegenseitig unterstützen. Etwa beim Reparieren von Waschmaschinen, beim Brotbacken oder beim Flicken von Kleidungsstücken, die längst noch nicht durch neue ersetzt werden müssten. Das Miteinander hätte auch sozial positive Wirkung. Und weniger Tun und Haben bedeute weniger Stress.

Natürlich regt sich jede Menge Widerspruch. Doch der Referent hört das nicht zum ersten Mal und kontert norddeutsch kühl. Entkräftet zitierte Studien routiniert mit Gegenstudien. Nennt die CO2-Steuer, zumindest in der Höhe, in der die politisch durchsetzbar wäre, einen modernen Ablass. Menschen, die hier sündigten, können sich mit dem Segen der Politik von der Schuld freikaufen. Modelle der Naturorientierung oder „Material Matters“ als Mittel gegen Ressourcenverschwendung hält er für „Science Fiction“. Und ein bedingungsloses Grundeinkommen erzöge „leistungslose Konsumierer“. „Kein Weg ist ohne Risiko“, ermuntert Paech sein Publikum, tragfähige Modelle zum Verzicht zu entwickeln, denn Weiter-so wäre desaströs.

Zurück zur Übersicht: Gschwend

Mehr zum Thema

Kommentare