Eimer voller liebenswerter Dinosaurier

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Die Amphibienfreunde Gschwend haben momentan alle Hände voll zu tun. Amphibien werden eingesammelt und zum Laichen sicher zum Teich gebracht.

Gschwend

An vielen Orten sind die Kraftfahrer aktuell gehalten, Tempo 30 zu fahren. Nämlich dort, wo sich die Kröten, Molche und Frösche jetzt auf den Weg zu den Gewässern machen, um dort zu laichen. Leider müssen die Tiere dabei oft Straßen überqueren. Was zum Beispiel in Gschwend ohne die Initiative der Amphibienfreunde und anderer Ehrenamtlicher ein Weg in den sicheren Tod bedeuten würde.

Denn zum einen werden die Amphibien überfahren. Aber zum anderen, und das wissen die wenigsten, halten die zarten Lungen der Amphibien den Unterdruck nicht aus und zerreißen, wenn sich die Tiere im Bereich zwischen den Rädern befinden. Also, auch wenn sie nicht überfahren werden, müssen sie einen qualvollen Tod sterben. Denn wenn die kleinen Lungen zerrissen sind durch den Unterdruck, leben die Tiere noch bis zu 24 Stunden weiter und ersticken qualvoll.

"Daher bitte Tempo 30 fahren", appelliert Helga Fischer. "Dann haben die Tiere eine Chance." Sie ist eine der derzeit aktiven rund acht Amphibienfreunde aus Gschwend. Die Mitglieder der Gruppe sammeln seit zehn Jahren immer Mitte Februar täglich die Tiere aus den dafür eigens eingegrabenen Eimern auf, die sich an den grünen Zäunen befinden. Denn die Kröten, Molche und Frösche kommen jetzt aus dem Wald, etwa beim Birkhof, queren die Straße und ziehen in die beiden gegenüberliegenden Teiche, wo sie ablaichen möchten.

"Wir sind hier in der glücklichen Lage, dass das Straßenbauamt des Kreises die Zäune setzt", beschreibt Helga Fischer. Beim Birkhof zwischen Gschwend und Schlechtbach sind dies rund 1,2 Kilometer Länge. Der Kreis bezahlt auch die Zäune, die pro 50 Meter rund 400 Euro kosten. Sollten allerdings hier und da "Niederhalter" benötigt werden, werden diese von den Amphibienfreunden bezahlt. Nötig sind die Niederhalter, damit die Tiere nicht unterm Zaun durchkrabbeln können, erklärt Helga Fischer. Sie selbst findet Amphibien schlicht faszinierend. Vor allem die Tatsache, dass durch eine Metamorphose diese Tiere von Kiemen- zu Lungenatmern mutieren.

Die Amphibien werden nicht nur morgens und abends eingesammelt und zum begehrten Teich gebracht. Sie werden auch klassifiziert und gezählt. Das Ergebnis wird ans Umweltbundesamt übermittelt.

Dazu kommt Fachwissen über die einzelnen Tiere. Das sei nötig, damit sie korrekt am Teich wieder freigelassen werden können, erzählt Helga Fischer. "Molche fressen Froschlaich, also werden die Frösche an einer anderen Stelle ausgesetzt als Molche", erklärt sie.

Bei Tempo 30 haben die Tiere eine Chance.

Helga Fischer, Amphibienfreunde

Seit ihrer Kindheit ist Helga Fischer den kleinen "Dinos" verfallen. Schließlich gibt es diese Arten bereits seit rund 400 Millionen Jahren auf der Erde. "Seit ich zehn Jahre alt bin, sammle ich die Tiere ein und bring sie sicher an die Teiche", beschreibt sie. Ihr Erfahrungsschatz ist groß. Zum einen besitzt sie durch ihren Beruf medizinische Vorkenntnisse, zum anderen schmökert sie in Fachliteratur. Daher kann sie auch mühelos erkennen, ob es sich nun um Männchen oder Weibchen handelt. "Die einen haben einen schwarz-weiß marmorierten Bauch. Das sind die Jungs", erklärt sie, während sie einen kleinen Frosch begutachtet. "Die mit dem rot-grünen Bauch sind die Mädchen", deutet sie auf ein kleines Exemplar in ihrer Hand. "Zudem haben die Jungs eine schwarze Brunftschwiele an ihrem Vorderarm."

Außerdem hat Helga Fischer zuhause längst ein "Amphibien-Lazarett", in dem sie sich um die Tiere kümmert, die verletzt wurden, die man aber wieder aufpäppeln kann.

Nach der Laichzeit im Mai machen sich die Amphibien wieder auf den Rückweg. Und werden abermals eingesammelt und sicher über die Straße transportiert. Dennoch gibt es immer wieder Frösche, die einfach über die Zäune hüpfen, oder Kröten und Molche, die hochklettern. Und die landen dann eben auf dem Asphalt. Und können beim Queren der Straße nur hoffen, dass sie in der Morgen- und Abenddämmerung auf Kraftfahrer treffen, die Tempo 30 einhalten. Denn dann haben die Tiere eine reelle Chance, versichert Helga Fischer.

Rund 1900 Tiere werden so durch die Amphibienfreunde in Gschwend jährlich sicher geleitet. "Aber auch Gartenbesitzer können etwas für den Tierschutz tun. Etwa Schächte abdecken – Reisig genügt – damit die Tiere nicht hineinfallen. Und vor allem keine Pestizide im Garten nutzen. Dazu ein kleiner, angelegter Teich – das wäre perfekt für die Tiere", wünscht sich Helga Fischer.

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Helga Fischer sammelt Amphibien ein und bringt sie zum Teich. Die Amphibienfreunde Gschwend retten und dokumentieren so jährlich rund 1900 Tiere. Übrigens: Wer langsam fährt, kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

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