Ein besonderes Hobby: Einblick in eine Brieftauben-Reisevereinigung

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Auflass der Tauben vom Kabinen-Fahrzeug
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Die Brieftauben-Reisevereinigung Geislingen, zu der auch die Region Gmünd gehört, ist in die Saison gestartet. Züchter Martin Lehnert gibt Einblick in diese Passion.

Gschwend

"Schau mir in die Augen Kleines.“ Dass Martin Lehnert das manchmal vor sich hin murmelt, wenn er eines seiner „gefiederten Rennpferde“ begutachtet, ist nicht belegt. Sicher ist aber, dass der Experte den tiefen Blick ins Auge nutzt, um die Leistung seiner Brieftauben abzuschätzen. Ebenso Auskunft geben die gespreizten Flügelfedern, die Rippenrundung, die Muskulatur. Und natürlich die Abstammung. Die kennt der passionierte Gschwender von jedem seiner aktuell rund 30 Tiere ebenso genau wie die Augenfarbe.

Martin Lehnert, das dürfte längst klar sein, ist begeisterter Brieftaubenzüchter. Ein Hobby, zu dem immer auch der „Sport“ gehört. Will heißen: Brieftauben müssen fliegen dürfen. Je älter, je weiter. „Reisen“ nennen die Experten diese Distanzflüge. In so genannten Reisevereinigungen sind sie organisiert.

Martin Lehnert erklärt das Procedere: Der teilnehmende Züchter bringt seine trainierten Tauben in einer Reisebox zur Einsatzstelle. Dort wird jedes Tier mit Hilfe eines Scanners registriert. Per Spezial-Lkw werden die Brieftauben dann zum Auflassort transportiert und von den geschulten Fahrern auch getränkt und gefüttert. Denn die Reise zurück zum heimatlichen Schlag kann durchaus weit sein. Die Streckenlänge wird übers Jahr kontinuierlich gesteigert. Die Brieftauben-Reisevereinigung Geislingen, für die Martin Lehnert die Öffentlichkeitsarbeit macht, hat im Mai zum Beispiel mit einem Auflass ab Landau in der Pfalz begonnen. 133 Kilometer Luftlinie haben die Tauben zurückgelegt. Die schnellste hatte der Abtsgmünder Ralf Schopft, der für den Verein Schechingen startet.

Insgesamt stehen in diesem Jahr 13 Distanzflüge für die Tauben der Geislinger Gruppe auf dem Plan, die Distanzen steigern sich, bis zuletzt auf 624 Kilometer aus dem französischen Canapeville zu absolvieren sind. Um die sechseinhalb bis sieben Stunden sind die schnellen Tauben dann unterwegs. Manche brauchten aber auch einige Tage, bis sie wieder auf der so genannten Konstatieranlage am heimischen Schlag landen, erzählt Martin Lehnert. Und davon, dass die Brieftauben mit perfekt zusammengestelltem Spezialfutter verwöhnt werden, und schnell wieder Kräfte sammeln.

Ganz klar: Gute Tauben sind wertvoll und werden, nach ihrer aktiven Zeit als Brieftauben - also mit etwa fünf Jahren - hauptsächlich zur Zucht eingesetzt. Drei- bis vierstellige Beträge, je nach Abstammung und Leistung, muss der Züchter durchaus einkalkulieren. Nach oben gibt es aber keine Grenze: Im November 2020 habe ein anonymer Käufer aus China für ein Tier aus belgischer Zucht, 1,6 Millionen Euro hingeblättert, erzählt Martin Lehnert.

Ein Schatz, der sicher gut bewacht wird. Der normale Züchter muss seine Tiere dagegen hauptsächlich vor Katzen schützen und sich im Frühling sorgen, dass manche Brieftaube dem hungrigen Habicht zum Opfer fällt. Trotzdem schwärmt der Gschwender für sein Hobby, das ihn schon als Kind mehr fasziniert habe, als Fußball, erzählt Martin Lehnert. 1968 sind seine ersten Brieftauben gereist. Noch immer ist er begeistert dabei und trainiert aktuell wieder Jungtiere, die sich ohne Scheu von ihm anfassen lassen und bald zum ersten Mal von Kirchenkirnberg - drei Kilometer Luftlinie - zum heimischen Schlag und leckeren Futter zurückfliegen dürfen.

"Die teuerste Taube hat 1,6 Millionen gekostet.“

Martin Lehnert, Brieftaubenexperte

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