Essen wir den Planeten auf?

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Professor Dr. Urs Niggli nach seinem Vortrag im Dialog mit dem vielköpfigen und fachkundigen Publikum in der Gschwender Gemeindehalle. Rechts Moderator Horst Niermann.
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Was der „Bionier“ Professor Dr. Urs Niggli beim Rendezvous in der Gemeindehalle in Sachen Landwirtschaft und Ernährung analysiert und was er sich für die Zukunft wünscht.

Gschwend

Lasst Euch wohlig provozieren“, fordert Urs Niggli sein Publikum auf. Und tut das dann auch.

Sagt zum Beispiel, dass es eine „natürliche“ Landwirtschaft gar nicht mehr gebe, weil selbst Ökobetriebe davon profitieren, dass in 15 000 Jahren die technische Evolution im Landbau dafür gesorgt hat, dass ein Korn hundertmal mehr Ertrag bringt als die Samen, aus denen die Urmenschen das erste Mehl gewonnen haben.

Sagt zum Beispiel, dass das Lebensmitteldefizit bis 2050 bei 56 Prozent liegt, wenn die Menschheit so weiter mache. Will heißen: Würde sich nichts ändern, bräuchte es 400 Millionen Hektar mehr Grünland und 200 Millionen Hektar mehr Ackerland, um die Menschheit zu ernähren. „Ein Nightmare“, ein Albtraum, gruselt sich der Professor und warnt: „Dem Planeten ist es letztlich egal, er hat Millionen Jahre, um sich von uns zu erholen“.

Sagt zum Beispiel, dass es ein Glück ist mit der Digitalisierung und der Präzisionslandwirtschaft mit gesteuerten Maschinen, weil man so in der Lage sei, Agrarlandschaften vielfältig zu gestalten sowie stabil und weniger umweltbelastend Nahrung zu produzieren.

Sagt zum Beispiel, dass in Sachen Vielfalt der ökologische Landbau zwar überlegen ist, aber „Bio“ eben pro Kilogramm Produkt auch nicht besser fürs Klima sei als konventionell produzierte Lebensmittel.

Sagt zum Beispiel, dass die nachhaltige Graslandnutzung weiterhin notwendig bleibt, um die Ernährung der Menschheit zu sichern. Und bezweifelt zugleich stark, dass genügend pflanzliche Nahrungsmittel produziert werden könnten, um die Menschheit mit veganer Ernährung satt zu bekommen.

All das und noch einiges mehr von einem Experten, der als anerkannter und gefragtester Forscher zum biologischen Landbau gilt, sozusagen als „Bionier“. Der zum Beispiel mit der Ausrichtung des UN-Welternährungsgipfels im Herbst 2021 in New York beauftragt war. Der 30 Jahre lang Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) war und dieses zu einer führenden Biolandbau-Forschungseinrichtung weiterentwickelt hat.

Das ist ganz klar „wohlige Provokation“. Aber es ist ganz klar auch mehr: „Noch bin ich positiv optimistisch“, sagt Urs Niggli und ist überzeugt, dass problemlos zehn Milliarden Menschen ernährt werden könnten, wenn ein Umdenken einsetzt und alle Möglichkeiten genutzt werden.

Für ihn bedeutet das, dass biologische Landwirtschaft und hochtechnologisierte Landwirtschaft ineinandergreifen - die konventionelle Richtung habe Nachholbedarf in Sachen Biodiversität und Humusaufbau, die biologische könne in Sachen Hightech noch einiges lernen. Beide zum Beispiel mit dem Ergebnis, dass der Pflanzenschutz besser gemanagt wird. So könnte etwa der Maiszünsler über Drohnen bekämpft werden, die polyphage Wespen punktgenau aussetzen, und ihm könnte durch intelligente Fruchtfolge die Verbreitung erschwert werden.

Urs Niggli setzt aber auch darauf, dass die landunabhängige Lebensmittelproduktion - angefangen von Fisch und Algen bis hin zur Herstellung zellbasierten Fleischs - weiterentwickelt wird. Er will, dass sich die Landwirtschaft dezentral entwickelt, unabhängig von Konzernen und in größtmöglicher Vielfalt. Für den Professor gehört dazu dann, dass gleichzeitig die Menschheit die Ausbeutung der Natur stoppt und sich selbst beschränkt; dass sie den Ressourcenverbrauch reduziert und trotzdem zufrieden ist (Suffizienz), dass sie die Ernährungsgewohnheiten ändert.

Den Fleischkonsum auf 60 Prozent zu reduzieren, das wäre nachhaltig, meint Urs Niggli. Deshalb wünscht er sich attraktive Angebote in Restaurants, die beweisen, dass pflanzliche Proteine gut schmecken. Und er wünscht sich technische Verfahren zur Wiederverwertung organischer Abfälle - verbunden mit einer Verteuerung der Müllabfuhr. Er wünscht sich Offenheit für die Vielfalt an Innovationen. „Wir müssen uns davon lösen, immer unsere eigene Lösung als die einzige Lösung zu sehen“, sagt er und fordert von der Politik und der Wirtschaft, dass sie diese Transformation unterstützen und nicht nur auf den Verbraucher abwälzen.

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