Musikwinter: Weil Aufbruch besser wirkt als Panik

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Den gehobenen Zeigefinger hat Ralf Fücks beim Rendezvous für unerwartete Mahnung benutzt.
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Wie sich die Klimakrise in einer freiheitlich-offenen Gesellschaft meistern lässt. Ralf Fücks, Autor und langjährige Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, zeigt im Bilderhaus Wege auf.

Gschwend. Das sind Töne, die man nicht alle Tage hört, wenn es um das Thema Klimakrise geht: kein Lamento, keine Schwarzmalerei, keine Mahnung zum Maßhalten. Dafür wie eine Fanfare die Aufforderung, aktiv zu werden; der Appell, die Anführerschaft zu übernehmen. Das nämlich sei, zwar die einzige, aber immerhin eine Chance, diese Welt noch zu retten. Sagt Ralf Fücks.

Klar sieht der 70-Jährige, der unter anderem 20 Jahre im Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung war, Alarmzeichen. Steigende Migration und Gewaltbereitschaft beim Kampf um Lebensraum und Ressourcen. Die wachsende Gefahr für die freiheitliche Demokratie, die von der offenkundigen Klimakrise ausgeht. Denn groß sei da die Versuchung, etwa nach dem Vorbild Chinas mit autokratischem Durchregieren vermeintlich richtige Entscheidungen herbeizuführen. Klar bestreitet Fücks nicht die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen.

Aber er analysiert mit Blick auf die jüngere Vergangenheit, dass die Klimakrise „mit Verzicht und Genügsamkeit nicht zu lösen ist.“ Ein „Ökopuritanismus nach dem Motto tuet Buße und kehret um“ sei in seiner Wirkung überschaubar, falle kaum ins Gewicht. Zumal zum Beispiel die Mobilität im beruflichen Alltag auch den Bemühten wenig Spielraum für Alternativen lasse.

Deshalb stellt Ralf Fücks ernüchtert fest: Ohne eine weitere industrielle Revolution sei der Kampf gegen die Klimaerwärmung nicht zu gewinnen. Deshalb müsse die Wertschöpfung entkoppelt werden von Emissionen und Ressourcenverbrauch - „das ist ambitioniert, aber auch machbar“. Die Entwicklung in den „fortgeschrittenen Ländern“ zeige das schon. Und es sei absolut notwendig, denn mit dem Klima könne man nicht verhandeln, mahnt Ralf Fücks.

Wobei er zugleich überzeugt ist, dass eine restriktive Politik, ein antidemokratisches Vorgehen letztlich nicht funktioniere. Statt zu Vorgaben und Zwang, sich an diese zu halten, rät er zu liberaldemokratischen Methoden und setzt auf die menschliche Erfindungskraft, mit der es schon öfter gelungen sei, die natürlichen Grenzen hinauszuschieben. Folgerichtig fordert Fücks höhere Investitionen für ökologische Erneuerung. „Das Investitionstempo zu steigern bringt mehr, als versuch's mal mit maßvoller Gemütlichkeit.“

Verbunden ist diese Forderung für den 70-Jährigen mit einer dreifachen Transformation: weg von fossilen Energien hin zu erneuerbaren; weg von der Ressourcenverschwendung hin zu ihrem effizienteren Einsatz; weg von der Wegwerfgesellschaft hin zur Kreislaufwirtschaft. Deutschland habe alle Voraussetzungen hier die Führerschaft zu übernehmen, wirbt Fücks für einen großen Aufbruch statt Panik, für einen Wettbewerb um die besten Lösungen.

Er macht sich dafür stark, dass nicht Verbote den Weg in die gewünschte Richtung zeigen, sondern die Preise, die dafür die ökologische Wahrheit abbilden müssten. Und er wirbt für einen Ökobonus, von dem vor allem Geringverdiener profitierten, weil diese einen kleineren CO2- Abdruck vorzuweisen hätten. Wesentlich sei es, Eigeninitiative zu fördern, in Richtung eines Wohlstands im Einklang mit der Natur und eines Aufbruchs in eine ökologisch verträgliche Industriegesellschaft.

Nur mit Verzicht ist die Klimakrise nicht zu lösen.“

Ralf Fücks,, Grünenpolitiker

Wer als Staat die Pionierrolle bei Stromspeichern, intelligenten Netzen und weiteren technologischen Fortschritten innehat, der sichere die eigene Zukunft, ist Ralf Fücks überzeugt und sieht als Folge in der Energiewende ein Erfolgsmodell mit internationaler Anziehungskraft. Wobei Europa diese Transformation ohnehin nur leisten könne mit der Kooperation der Länder untereinander. Ziel müsse sein, in einer freiheitlichen Gesellschaft mit menschlicher Kreativität die Synthese von Natur und Technik zu erreichen.

Viel Kreativität - wenig Kontrolle

In der spannenden Diskussion im Anschluss rät Ralf Fücks unter anderem, dass Deutschland sich in Sachen Atomkraft mindestens auf der Forschungsseite Alternativen offen halten müsse; dass größer und visionärer gedacht werden müsse und etwa Realutopien wie Gewächshäuser in der Wüste in Betracht zu ziehen seien; oder dass ordnungspolitische Maßnahmen wie etwa eine Rücknahmepflicht kombiniert werden mit einem Maximum an Wettbewerb und Innovation. Der Aufbruch in eine neue Entwicklungsstufe der Industriegesellschaft sei möglich, wenn umweltfreundliche Investitionen sich lohnten und Kreativität durch so wenig Kontrolle wie möglich ausgebremst wird.

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