Unschätzbares Geschenk für den Ort

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Ein historisches Gemälde der Fabrikantenvilla.
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Warum der pensionierte Pädagoge Berthold Hummel im unermüdlichen Ehrenamt im „Keller“ des Leinzeller Rathauses zugange ist und viele von seiner Arbeit profitieren.

Leinzell

Da ist es wieder, dieses glücklich-verschmitzte Lächeln. Eindeutiges Signal dafür, dass Berthold Hummel ein wichtiges Puzzleteil gefunden hat. Und damit ein weiterer Moment der Leinzeller Geschichte dokumentiert, vor dem Vergessen bewahrt ist.

Er ist ein absoluter Glücksfall für die Gemeinde, der inzwischen (fast) 90-jährige studierte Pädagoge und langjährige Rektor. Auch Geschichte hat er unterrichtet und kann seit über 20 Jahren nun diesem Steckenpferd seine ganze Zeit widmen. Und Berthold Hummel wäre nicht Berthold Hummel, wenn dabei nicht Herausragendes entstünde: 2002 legt er mit einem Heimatbuch seinen Erstling vor. Beschreibt auf 230 Seiten die Geschichte der Gemeinde so kenntnisreich, „anschaulich und spannend“, dass das Werk mit einem Preis für Heimatgeschichte ausgezeichnet wird. Laudator Dr. Bernhard Hildebrand lobt als Kreisarchivar die exzellente Recherche, die hinter den „fundierten Informationen über drei Jahrhunderte Dorfgeschichte“ steckt. Auch die vorbildliche Darstellung, „die auf einem überaus umfangreichen Quellenstudium beruht und in ihrer Qualität und Ausführlichkeit Maßstäbe setzt“, gefällt der Expertenjury, die der Gemeinde zu diesem Werk und zu seinem Autor von Herzen gratuliert.

Im Rückblick war das nur der Anfang. Denn Berthold Hummel wusste nun, welche Schätze in Kellern, Stuben und Speichern schlummern. Und es tat dem leidenschaftlichen Forscher in der Seele weh, all dies ungeordnet sich selbst überlassen zu müssen. Also hat er - immer mit Unterstützung der Bürgermeister - anfangs Günter Nesper, später Ralph Leischner - einen Raum gesucht, um ehrenamtlich die Funde zu sammeln, zu sichten, zu katalogisieren und fachgerecht zu lagern. Womit die ärmste Gemeinde des Kreises ein unschätzbares Geschenk erhielt: ein gut sortiertes Archiv.

Dabei erging und ergeht es Berthold Hummel wie jedem Forscher. Einmal angefangen, wachsen die Zahl der Funde, die Menge der Verknüpfungen und die Arbeit wie von selbst. Eins kommt zum anderen. Das Pfarrarchiv zum Beispiel war auf einer Bühne eher schlecht untergebracht. Weil Berthold Hummel mit seiner Arbeit und seinem Konzept überzeugte, wurden in Leinzell beide Archive miteinander vereinigt. „Das gibt es nicht überall“, erzählt der 90-Jährige glücklich und schwärmt von der guten Zusammenarbeit mit dem Diözesanarchiv in Rottenburg ebenso, wie von der Unterstützung, die er im Landesarchiv in Ludwigsburg oder im Stadtarchiv in Schwäbisch Gmünd stets erhalten habe.

Akribisch puzzelt er so an der Geschichte der Gemeinde, findet Fotos, entdeckt Erwähnungen, stöbert Anzeigen auf, schreibt ab, kopiert, fotografiert und ergänzt mit großem Fleiß und viel Geduld die Bestände, die im „Keller“ des Rathauses lagern. Mit detektivischem Spürsinn arbeitet er zum Beispiel die Geschichte der ehemaligen Korsettfabrik auf, die ab dem Jahr 1912 vom jüdischen Unternehmer Julius Uhlmann aus Cannstatt betrieben wurde und über Jahrzehnte der größte Arbeitgeber im Ort war. „Es gab Beziehungen in ganz Europa“, kann Berthold Hummel anhand von Geschäftstagebüchern belegen, die Verkäufe nach Toulouse, London, St. Moritz dokumentieren - aber auch, dass das Unternehmen Opfer der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde.

Was in den turbulenten Folgejahren alles im Dorf Leinzell geschah, kann Berthold Hummel dank eines Zufallsfunds inzwischen genau nachverfolgen. Gut versteckt zwischen Dachsparren waren die vom Amtsboten ausgeschellten Bekanntmachungen der Jahre 1941 bis 1947 entdeckt worden - „Alltagsgeschichte, aus der alle lernen können“, sagt Berthold Hummel und seine Augen funkeln begeistert.

Bekannter Kopf

„Spann a murr. Schnurr, schnurr, schnurr.“ Diesen Faschingsruf kennen heute alle Leinzeller - dabei ist er noch gar nicht so alt: Gegründet haben sich die „Leinzeller Murra“ 2006 mit dem Ziel, Leinzell seinen Ruf als Faschingshochburg zurückzugeben. Unter der Führung von Sprechermurr Heike Hilbig haben die wilden Katzen das längst geschafft und die Weiberfasnet in der Leintalmetropole mit gigantischen Rathausstürmen zu einem echten Muss gemacht.

Instagram-Fotomotiv

Das Leinzeller Schloss, erbaut von der Familie Lang, prägt seit 1650 die Ortsdurchfahrt. Es hatte viele Nutzungen. Seit 2004 gehört es dem Kunstsammler-Ehepaar Silvia und Helmut Wickleder (1943 bis 2020). Das Ehepaar gründete eine Stiftung zur Unterstützung junger Künstler. Einige Ausstellungen wurden in den historischen Räumen gezeigt. Außerdem gab es manches Konzert im Schlossgarten. 2009 wurde die Fassade des Schlosses mit viel Geschick renoviert. 

Schon gewusst?

Wer mit Leinzell in Berührung kommt, begegnet bald der Geheimsprache „Jenisch“. Viele Leinzeller mussten auf der markungsarmen Gemeinde einst ihren Unterhalt und den ihrer Familien als fahrende Händler bestreiten. Um vom Feind - und der Konkurrenz - nicht bespitzelt werden zu können, sprach man Jenisch. Heute ist das Jenisch wiederentdeckt, eine Arbeitsgruppe bewahrt es vor dem Vergessen. Rolf Dreher hat sogar ein Wörterbuch verfasst. 

Rolf Drehers Wörterbuch: Fisel komm mir dibrat
Begeisterung pur: Wenn Berthold Hummel einen Puzzlestein gefunden hat, strahlt er über das ganze Gesicht.
Sprechermurr Heike Hillbig, wie sie jeder kennt.
Schloss Leinzell
Alles ist akribisch auf dem PC dokumentiert.
Die Pfarrbücher in Sütterlinschrift sind eine wertvolle Informationsquelle im Archiv Leinzell
Alte Fotos der Beschäftigten des damals wichtigsten Arbeitgebers in Leinzell.
Berthold Hummel ist auf der Firmengeschichte auf der Spur.
Auch alte Stelleanzeigen bergen Informationen.
Berthold Hummel, Archivar Leinzel

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