Abschied mit Geschichten aus dem Chaos

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Den Flaggentag der „Mayors for Peace“ hat man in Mutlangen zu Ehren der Erfinder um zwei Tage vorverlegt und mit der Verabschiedung kombiniert. Im Bild (v.l.) Bürgermeister Christian Baron, Erste Landesbeamtin Gabriele Seefried, Wolfgang Schlupp-Hauck, Lotte Rodi, Brigitte Schlupp-Wick, Dr. Dieter Rodi und Bürgermeisterin Stephanie Eßwein.
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Mit Lotte Rodi und Wolfgang Schlupp-Hauck verabschiedet die Mutlanger Gruppe zwei bedeutende Aktivisten aus der Gründerzeit der Bewegung. Was die Festredner sagen.

Mutlangen

Voller Respekt und mit viel Emotion hat die Friedenswerkstatt Mutlangen am Dienstag ihre Gründungsmitglieder und bedeutendsten Aktivisten verabschiedet. Lotte Rodi und Wolfgang Schlupp-Hauck haben viel Anerkennendes gehört über ihren Mut, ihre Beharrlichkeit, ihren konsequenten Einsatz für den Frieden, ihre Kreativität. Und sie haben spannend erzählt - von den Zeiten, als 70 000 Menschen in Mutlangen gegen die Stationierung der Pershings demonstrierten oder von den vielen Aktionen danach und bis heute.

Zunächst beginnt die Feier mit einer besonderen Geste. Zwei Tage früher als sonst wird vor dem Mutlanger Forum die Flagge der „Mayors for Peace“, der Bürgermeister für den Frieden, gehisst. „Erfunden“ wurde der Flaggentag als Symbol für den gemeinsamen Kampf von Kommunen, Bürgern und Friedensbewegung gegen Atomwaffen vor neun Jahren von Lotte Rodi und Wolfgang Schlupp-Hauck. Seitdem hissen die Stadtoberhäupter weltweit am 8. Juli die grün-weiße Fahne der Bewegung. Mittlerweile sind 8000 Kommunen Mitglied der 1982 in Hiroshima gegründeten Mayors-for-Peace-Bewegung, betont Bürgermeisterin Stephanie Eßwein, allein 700 Städte und Gemeinden in Deutschland.

Wie sehr das „Wahnsinns-Engagement“ von Lotte Rodi und Wolfgang Schlupp-Hauck, das in Mutlangen seinen Anfang nahm, in die Friedensbewegung auf der ganzen Welt ausgestrahlt hat, betont Roland Blach vom bundesweiten Netzwerk Friedenskooperative. Lotte Rodis wunderbare Art des Brückenbauens wirke hier ebenso vorbildhaft wie Wolfgang Schlupp-Haucks Fähigkeit, Impulse zu geben.

Beide haben, ergänzt Patrick Woedl aus dem neuen Leitungsteam der Mutlanger Friedenswerkstatt, durch ihr unglaubliches Durchhaltevermögen ein großes Zeichen gesetzt. „Egal, wie aussichtslos es schien, Ihr habt nie aufgegeben“.

Dem Dank für diese positive Eigenschaft schließt sich Bürgermeisterin Stephanie Eßwein in ihrem Grußwort an. Und sie erinnert bewundernd, wie Lotte Rodi als Ansprechpartnerin und Koordinatorin in den Hochzeiten des Kampfs gegen die Pershings dem Chaos eine Ordnung und ein Gesicht gegeben habe. Die Friedensbewegung ohne diese beiden Akteure könne sie sich kaum vorstellen, gesteht die Bürgermeisterin und überreicht beiden Jubilaren den „Friedenspreis der Gemeinde Mutlangen“.

„Die Gesellschaft braucht Menschen wie Sie“, stellt Erste Landesbeamtin Gabriele Seefried in ihrem Grußwort fest und zählt auf: „Mutig, konsequent, unbestechlich und integer sind Sie beide eingetreten für ein weltoffenes und tolerantes Miteinander.“ Besonders beeindruckt habe sie die „zeitlose Coolness“, Lebensfreude und Energie der Jubilare.

Gmünds Erster Bürgermeister Christian Baron - zu jung, um die bewegte Zeit in Mutlangen miterlebt zu haben - nennt Lotte Rodi und Wolfgang Schlupp-Hauck Vorbilder für einen Diskurs, der Feindbilder abbaut. „Sie haben ihr Gegenüber stets wahr- und ernstgenommen. Sie haben sich den Argumenten der anderen gestellt.“

Eine Eigenschaft, die Volker Nick in seinen Laudationes besonders herausstreicht. Die heiße Phase der Aktionen in Mutlangen hätten sich bei Weitem nicht so locker angefühlt, wie man heute darüber rede. „Wir waren davon überzeugt, dass sich die Welt an einem Abgrund befindet. Es war wie im Krieg, nur ohne Schießen“, verrät er. Voller Bewunderung für das hohe Niveau und die untadelige Haltung, die dank Lotte Rodi und Wolfgang Schlupp-Hauck die unzähligen Gespräche geprägt haben, die damals geführt wurden. Und für die Beharrlichkeit in der Folgezeit, in der man − wie fließendes Wasser − mit kreativen Aktionen die Friedensbewegung vorangebracht habe.

„Es war anstrengend. Aber es war auch eine tolle Zeit“, erzählt Lotte Rodi von den Widerstandstagen in Mutlangen − als Steine auf die Zelte flogen oder sie eine Krachdemo am Depot zum Schweigen bringen musste. Aber sie erzählt auch, wie sie als 13-Jährige das Kriegsende erlebte, ihre Heimat verlassen musste, den schweren Angriff auf Brünn miterlebte, die starke Diskriminierung der Flüchtlinge: „Ich wusste, Krieg ist ganz sicher keine Lösung. Ein Atomkrieg schon gar nicht. Deshalb ist die einzige Konsequenz die Abrüstung“, betont sie und nennt als ein Mittel dazu, die „grauen Töne“ des Gegners kennenzulernen − zum Beispiel bei Versöhnungsreisen.

Die eine der kreativen Aktionen der Mutlanger Friedensbewegung sind. Dazu die Jugendcamps oder auch das Mutlanger Manifest aus dem Jahr 2007, an das Wolfgang Schlupp-Hauck erinnert. Wobei er betont: „Das eine sind die Appelle an die anderen. Genau so wichtig und nötig ist das Handeln von uns.“

Mit großer Herzlichkeit moderiert wird die Feier von Uwe Klundt. Umrahmt wird sie mit Liedvorträgen und Eigenkompositionen von Axel Nagel sowie Gedichten und Texten von Annabella Akçal.

Ich wusste, Krieg ist ganz sicher keine Lösung.“

Lotto Rodi, Friedensaktivistin

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