Ein Toter, ein Schwerstverletzter: zweieinhalb Jahre Haft für Unfallfahrer von Obergröningen

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Der Ortseingang von Obergröningen, wo am 25. September 2021 der tragische Unfall passiert ist. Foto: aks
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Der 23-jährige Angeklagte muss sich für eine Alkoholfahrt mit Todesfolge verantworten. Das Schöffengericht sieht keinen Spielraum für Bewährung.

ObergröningenDas ist ein sehr trauriger Fall - für alle Beteiligten. Für die Familie des Getöteten. Für die Familie des Schwerstverletzten. Für den Unfallverursacher. Er muss mit dieser falschen Entscheidung leben und dem maximalen Pech, das er dann hatte. Auch für ihn ist an diesem Tag alles anders geworden. Diese Bilanz zieht Richterin Julia Ocker am Ende einer hoch emotionalen Verhandlung vor dem Schöffengericht des Gmünder Amtsgerichts. Dieses hatte kurz zuvor das Urteil verkündet: Zwei Jahre und sechs Monate Haft für einen 23-Jährigen wegen fahrlässiger Tötung, vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Körperverletzung.

Der grauenvolle Unfall dürfte vielen noch im Gedächtnis sein. Staatsanwältin Alexandra Henning referiert das Geschehen in der Anklageschrift: Der Angeklagte war gegen 2.40 Uhr auf dem Heimweg von einer Bauwagen-Fete nahe Hohenstadt auf der Landesstraße in Richtung Obergröningen gefahren. „Erheblich alkoholisiert und zu schnell“ - konnte er im Ortseingangsbereich zwei rechts auf der Fahrbahn an einem Auto stehenden Fußgängern nicht mehr ausweichen, verletzte den einen tödlich und den anderen lebensgefährlich; krachte dann auf der linken Straßenseite mit solcher Wucht gegen einen dort wartenden Corsa, dass dessen Airbags auslösten. Wurde erneut abgewiesen und letztlich von der Vorderfront eines BMW gestoppt, wobei auch die jeweiligen Insassen Verletzungen davontrugen. 1,81 Promille Alkohol zur Zeit des Unfalls habe die Blutprobe ergeben, sagt die Staatsanwältin - wer damit Auto fahre, nehme die Gefährdung anderer billigend in Kauf. Drei Jahre Haft fordert sie in ihrem Plädoyer am Ende der Beweisaufnahme.

Diese hatte mit einem umfassenden Geständnis des Angeklagten begonnen, das dessen Verteidigerin Elisa Treuter von der Gmünder Kanzlei Schmid und Kollegen verlas. Ihr Mandant bereue das Geschehen zutiefst und sei bereit, dafür die volle Verantwortung zu übernehmen, betont sie. Schriftlich hatte sich der 23-Jährige auch bei der Familie des Getöteten entschuldigt. Zu den Eltern des Schwerstverletzten habe es anfangs Kontakt über den Vater gegeben, der dann aber abgebrochen wurde.

Angehörige aller Beteiligten sind bei der Verhandlung als Nebenkläger oder verfolgten das Geschehen. „Mein Sohn wollte leben, er wollte arbeiten, er wollte heiraten“, erzählt die Mutter des Schwerstverletzten, der einen doppelten Schädelbasisbruch, weitere Brüche und mehrere Traumata davontrug, nach dem Unfall über drei Monate im Koma lag und bis heute auf Intensivpflege angewiesen ist, nicht sprechen kann, halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Ob der heute 37-Jährige eine Perspektive auf Besserung habe, wisse leider niemand.

„Unser Sohn war ein ganz besonderer Mensch. Er war einzigartig. Er hat sich ehrenamtlich als Übungsleiter engagiert, war Musiker, überall angesehen und beliebt“, beschreibt die Mutter des Getöteten, der durch den Aufprall an einem Genickbruch starb. Es vergehe kein Tag, an dem er nicht fehle, an dem die Familie ihn nicht vermisse. „Das Leben vorher gibt es für uns nicht mehr.“ „So ist es auch für uns - wir fühlen so sehr mit“, sagt der Vater des Unfallverursachers. Der von der Anklagebank aus tiefes Bedauern ebenfalls in Richtung beider Familien bekräftigt.

Verteidigerin Elisa Treuter plädiert für eine Strafe „im bewährungsfähigen Rahmen“ von zwei Jahren mit dem Hinweis auf das geregelte Berufsleben des Zerspanungsmechanikers, der seit dem Unfall nicht mehr Auto fährt. Sie schlägt außerdem weitere Auflagen vor wie Zahlungen an die Familie des Schwerstverletzten oder die Unfallopferhilfe und weitere soziale Arbeit.

„Wir haben es uns nicht leicht gemacht“, sagt die Richterin in der Urteilsbegründung, denn der Angeklagte habe auf das Gericht einen guten Eindruck gemacht, er habe sein Leben verändert und glaubhafte Reue gezeigt. Aber auch wenn sie niemandem helfe, nichts kompensiere und nichts ungeschehen machen könne, müsse die Bestrafung schuldangemessen ausfallen und könne deshalb nicht im bewährungsfähigen Bereich liegen.

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