Geschichten aus der Dachkammer und dem Gewölbekeller

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Altes Schul und Rathaus Obergröningen+ Besuch von Siegfried Müller-Attinger, Helmut Gaiser, Reinhold Fischer und Jochen König
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Noch einmal besucht der über 90-jährige Gmünder Siegfried Müller-Attinger das ehemalige Rat- und Schulhaus in Obergröningen. Hier ist er aufgewachsen. An was er sich erinnert.

Obergröningen

Es ist ein Ausflug in die Kindheit und Jugend. Es ist auch eine Begegnung mit der Pädagogik in längst vergangenen Zeiten. Und es ist ein Schuss Wehmut zu spüren, bei diesem denkwürdigen Rundgang durch das denkmalgeschützte Rat- und Schulhaus.

Dessen Protagonisten: Siegfried Müller-Attinger, dessen Vater Karl Fridolin Müller ab 1937 in Obergröningen als Lehrer wirkte und der mit seinen drei Geschwistern und der Großmutter bis 1950 in der Lehrerwohnung lebte. Helmut Gaiser, der letzte Oberlehrer im Ostalbkreis, wie er scherzend anmerkt, der ab 1958 in Obergröningen unterrichtete, bis das Schulhaus dort 1971 aufgelöst wurde und er sich an die Verbandshauptschule Leinzell versetzen ließ. Reinhold Fischer, historisch interessierter Pädagoge aus Schechingen. Alle drei möchten sie noch einmal durch dieses besondere, vom Abriss bedrohte Gebäude gehen, Erinnerungen austauschen.

Bürgermeister Jochen König ist mit dem Rat- und Schulhausschüssel gekommen. Gespannt auf die Geschichten hat er auch ein Auge darauf, dass die Senioren sicher durch das nun doch lange leer stehende Gemäuer kommen.

Schon vor den Stufen zur Seitentür, in der milden Wintersonne, erzählt Siegfried Müller-Attinger von der emotionalen Bindung, die er nach Obergröningen hat: Hier hat er wichtige Stationen der Kindheit erlebt, hier ist sein jüngster Bruder geboren, hier ist seine Großmutter gestorben - ganz oben, in der kleinen Kammer, die einen weiten Blick bis nach Hohenstadt erlaubt. Hier, im Gewölbekeller, hat die Familie Schutz gesucht, wenn im Krieg Fliegeralarm war. „Auf den Apfelhorden sind wir Kinder dann gesessen“, erzählt er. Und würde die Gruppe am liebsten mit hinunter nehmen und zeigen, wo diese speziellen Regale zur Obstaufbewahrung einst standen. Doch die Stufen sind glitschig, einen Handlauf gibt es nicht. Nicht nur Bürgermeister Jochen König bremst den über 90-Jährigen aus. Zur eigenen Sicherheit.

Anders im ehemaligen Einklassenzimmer. Hier stehen im Halbdunkel noch halb vermoderte Schulbänke, so wie sie wohl einst genutzt wurden. Ein vertrauter Anblick für die Besucher, den sie unterschiedlich - aus Schüler- und aus Lehrersicht - erlebt haben. Eigentlich ideal für ein Schulmuseum, findet Siegfried Müller-Attinger, wohl wissend, dass es nach Obergröningen für potenzielle Besucher aus Gmünd doch recht weit wäre.

Aus Sperrholz und Dachlatten

Im „Saal“ nebenan, in dem einst hauptsächlich der Gemeinderat tagte und der deshalb selten genutzt wurde, habe man, erinnert sich Helmut Gaiser, „mit Genehmigung des Schultheißenbauern“ später eine Tischtennisplatte aufgebaut. Selbstgemacht. Aus Sperrholz, das mit Dachlatten verstärkt. Sogar einen Tischtennisclub Obergröningen habe es zeitweise gegeben.

Weiter geht der Rundgang. „Was hat meine Frau diese Treppe geschrubbt“, erinnert sich Helmut Gaiser, als die Gruppe sich der Holzstiege hinauf zur Lehrerwohnung zuwendet. Auf dem ersten Treppenabsatz bleibt Siegfried Müller-Attinger stehen und blickt aus dem schmalen Fenster in Richtung Pfarrhaus. „Hier war ein kleiner Garten“, erzählt er, darin durften die Geißen der Lehrerfamilie weiden. Und dann fällt ihm ein, wie sie als Buben Dynamit gesammelt und damit fast den Ofen gesprengt hatten. „Und das Klo war im Winter ständig eingefroren.“

In jedem der kleinen Zimmer fallen ihm Geschichten ein. Auch, dass sich hier im Bubenzimmer auf wenigen Quadratmetern fünf Kinder zwängten. Oder dass es an der Außenwand des Elternschlafzimmers einen prismenförmigen Raum gab, das Kämmerle, erinnert Siegfried Müller-Attinger, um dann festzustellen, dass dieses Geheimversteck bei irgend einem Umbau das Zeitliche gesegnet haben muss.

Dafür kann Bürgermeister Jochen König dem alten Herrn ein Badezimmer zeigen. Das, erzählt Helmut Gaiser, habe er in seiner Zeit als Oberlehrer heraushandeln können, weil er einen kleinen Raum der Lehrerwohnung für den Amtsschreiber opferte. Auch einen Raum für Lernmittel hat Helmut Gaiser „erkämpft“. Dafür wurde ein Teil des Gefängnisses „geopfert“, das sich im Rathausteil des Gebäudes befand.

Schließlich erinnern sich die Senioren noch gut daran, wie 1938 in Obergröningen ein Schwimmbad gebaut worden ist. Die Schule habe damals Alteisen gesammelt, weiß Siegfried Müller-Attinger noch.

Im Winter war das Klo ständig eingefroren.“

Siegfried Müller-Attinger, erinnert sich

Geschichten von einst - stundenlang könnten die Männer erzählen und blicken, als der Rundgang beendet ist, traurig auf das Gebäude. Denn die Gemeinde will es abreißen - „weil das Geld für eine Sanierung nicht da ist“, erklärt Bürgermeister Jochen König. Nur weil der Denkmalschutz sein Veto eingelegt hat, steht das ehemalige Schul- und Rathaus noch, dessen hohe Räume Reinhold Fischer bewundernd registriert hat. Wenn sich nur eine Nutzung fände ...

„Wir wären für alles offen, außer für Wohnungen,“ ermuntert Jochen König mögliche Interessenten und hofft auf Ideen. Privater Wohnraum allerdings scheide aus, denn die Kirche, die Gemeindehalle, das Pfarrhaus, Parkplätze drumherum - da wäre ständiger Ärger vorprogrammiert, sind sich der Gemeinderat und der Schultes vollkommen einig.

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