Ein wertvolles Langzeitgedächtnis auf dem Rathausdachboden

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Schechinger Archiv
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Warum Verwaltungspraktikant Arcangelo Iacoviello und Gemeinderat Bernd Nachtnebel derzeit das Archiv auf dem Rathausspeicher ordnen und was sie dabei schon gefunden haben.

Schechingen

Win-win: Für diesen Fall ist das genau die richtige Zusammenfassung der Situation: Da ist auf der einen Seite die Gemeinde, deren „Langzeitgedächtnis“ in kunterbunt durcheinandergewürfelten Bündeln auf dem riesigen Rathaus-Dachboden lagert. Und auf der anderen Seite ein perfekt ausgebildeter Mann, der seine Studien der klassischen Archäologie, der Kunstgeschichte und der Denkmalpflege aktuell ergänzen möchte um einen Bachelor of Public Management. Als Arcangelo Iacoviello sich für das vorgeschriebene Einführungspraktikum in Schechingen beworben hat, hat Bürgermeister Stefan Jenninger deshalb sofort zugegriffen. Denn, so sagt er, „ein gut sortiertes Archiv ist wichtig für die Arbeit der Gemeindeverwaltung. Wie ein Langzeitgedächtnis. Man braucht es nicht oft, aber wenn es nicht gut in Schuss ist, sucht man lange.“

Also hat der aus Gmünd stammende „Praktikant“ mit italienischen Wurzeln in den vergangenen sechs Monaten nicht nur Stunden damit zugebracht, sich in die Grundzüge einer Gemeindeverwaltung einzufühlen, sondern auch unzählige Aktenpacken und Dokumentenbände in eine durchschaubare Ordnung einzufügen versucht.

„Zum Glück mit guter Unterstützung“, erzählt er mit Blick auf Gemeinderat Bernd Nachtnebel dankbar. Der geschichtsinteressierte Pensionär hatte seine Hilfe angeboten und gemeinsam mit dem Praktikanten im zugigen Speicher des ehemaligen Schlosses Papiere gesichtet, Ordner durchforstet, Bände gestapelt. Vom 12. März 1828 stammt die älteste Akte, die sie dabei gefunden haben. Ein „Unterpfands Bereinigungs Protocoll“ von Pfandcomisheur Beier. Ein Buch also, in dem alle Schulden und Beleihungen festgehalten sind, die Schechinger Bürger damals, zu Lebzeiten etwa von Johann Wolfgang von Goethe, eingegangen sind. Arcangelo Iacoviello, der aufgrund seiner Vorbildung die Sütterlin-Schrift ebenso entziffern kann wie die Vorgängerschriften Kurrent und Fraktur, hat darin so manchen Familiennamen entdeckt, den es in der Gemeinde noch heute gibt. Unterpfandbücher und -protokolle seien von der Behörde geführt worden und dienten der Absicherung von Darlehen sowohl zwischen Privatpersonen als auch zwischen Privatpersonen und privaten, staatlichen oder kirchlichen Institutionen, erklärt er.

Zum Vernichten und Bewahren

Gemeinsam mit Bernd Nachtnebel hat Iacoviello es in der angesichts der riesigen Dokumentenmenge relativ kurzen Zeit erreicht, dass die Gemeinde nun zumindest wieder einen Überblick hat über das, was alles da ist. Bei dieser Arbeit sind auch jede Menge Schriftstücke entsorgt worden, deren Aufbewahrungsfristen abgelaufen sind: Leistungsverzeichnisse mit Angeboten für seit Jahrzehnten abgeschlossene Bauwerke zum Beispiel. Oder uralte Gemeindeinformationsblätter, die zuhauf in derselben Ausführung zum Beispiel beim Land archiviert werden. Sechs Datenschutzcontainer mit insgesamt 2500 Litern Akten seien im letzten halben Jahr aus diesem Grund fachgerecht vernichtet worden.

Anderes, das beim fleißigen Aufräumen entdeckt wurde, wird dagegen als besonderes Dokument der Gemeindegeschichte in den so genannten Trockenraum des Archivs gepackt, damit es auf Dauer nicht Opfer der normalen Dachbodenfeuchtigkeit wird. Ein undatiertes Schriftstück aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Beispiel. Die amerikanischen Besatzer ordneten darin an, dass die unter Naziherrschaft in „Adolf-Hitler-Straße“ umbenannte Hauptstraße unverzüglich ihren alten Namen wieder erhält, erzählt Iacoviello.

Wenn's nicht gut in Schuss ist, sucht man lange.“

Stefan Jenninger,, Bürgermeister übers Gemeindearchiv

An anderen Fundstücken hat zum Beispiel der Kreisarchivar Interesse angemeldet. Deshalb warten aktuell etliche Bände der „Reichstagsblätter“ auf Abholung. Wieder Anderes wird weiterhin gesucht. Nach Erschließungsverträgen aus dem Jahr 1986 zum Beispiel sei er seit drei Wochen „auf Jagd“, scherzt Arcangelo Iacoviello. Und lässt keinen Zweifel daran: In diesem Archiv warte noch jede Menge Arbeit für künftige Verwaltungspraktikanten – nicht nur um Schriftstücke zu entsorgen, deren Aufbewahrungsfrist abgelaufen ist, sondern auch um das Vorhandene nach und nach zu digitalisieren.

Lob für hilfreiche Kennzeichnung

Und es verbergen sich weitere Schätze für historisch interessierte Bürger, die über das Gemeindeleben in längst vergangenen Zeiten forschen möchten. Bernd Nachtnebel zum Beispiel. Oder die rührigen Mitglieder des Schechinger Geschichts- und Heimatvereins, dessen Vorsitzender Dieter Krieger sich um die Ordnung im Archiv verdient gemacht habe, ehe es in einer Nacht-und-Nebelaktion von der alten Post im Erdgeschoss auf den Dachboden umgebeugt worden war. Er vermute, dass die heute sehr hilfreiche Kennzeichnung etlicher Aktenpakete mit Jahreszahlen aus dieser Zeit stammt, lobt der historisch versierte Verwaltungspraktikant.

Ganz konkret helfen konnten er und Bernd Nachtnebel mit ihrer Arbeit am „Langzeitgedächtnis“ Schechingens, als jüngst die verdienten Wahlhelferinnen im Gemeinderat zu ehren waren. „Wir hätten vermutlich ewig gesucht und nichts gefunden“, schätzt Bürgermeister Stefan Jenninger. Und wird wohl auch, wenn er in diesem Jahr zur Eröffnung des Osterbrunnens dessen Schirmherrin Gerlinde Kretschmann begrüßt, auf Vergangenes vom Dachboden zurückgreifen.

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