Hedwig Dürr ist die Älteste und topfit

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Hedwig Dürr an ihrem Herd, für dessen Befeuerung täglich Holz geholt werden muss
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Auf 101 Jahre darf die „echteste“ Spraitbacherin zufrieden und dankbar zurückblicken. Was sie aus ihrem langen Leben erzählen kann.

Spraitbach

Hedwig Dürr hat selbst gebacken für ihren 101. Geburtstag an diesen Mittwoch. Die rührige Seniorin ist die „echteste“ und älteste Spraitbacherin.

Am 23. Februar 1921 kam Hedwig in der Mutlangerstraße 24 in Spraitbach zur Welt. Hier sei sie aufgewachsen, hat ihr ganzes Leben verbracht und hier möchte sie es einmal beenden, sagt sie. Ihren Haushalt bewältigt Hedwig, mit ein bisschen Unterstützung, bis heute nahezu allein. „Ich bin immer im Haus unterwegs“, erzählt sie lachend, dass sie ihre Energie täglich irgendwie loswerden müsse. Kochen und backen gehört dazu, weshalb der alte Holzherd in der Küche täglich angefeuert wird. Das Holz dazu holt sie noch selbst.

Der Vater und beide Großväter waren Bäcker. Hedwig ist das Backen also in die Wiege gelegt worden. In späteren Jahren übergab der Vater, Hermann Schock, die Bäckerei an seinen Bruder Paul. In Spraitbach bekannt als der „Schock-Beck“. Zurück blieben die Land- und Waldwirtschaft, bei der Hedwig schon von klein auf mithalf. Sie erinnert sich noch an die Zeit, als das Gebäude Nummer 24 das „Endhaus“ Richtung Mutlangen war.

Der Vater, ein gläubiger Protestant, und dessen Vater Hermann Schock gründeten die evangelische Gemeinde in Spraitbach. Ihre Schulzeit verbrachte Hedwig im ehemaligen evangelischen Gemeindehaus, das damals die Grundschule war. Auf dem knapp 90 Jahre alten Klassenfoto kann Hedwig noch jeden Mitschüler namentlich benennen - samt der damaligen Charaktereigenschaften.

Viele Jahrzehnte war Vater Hermann der Mesner der evangelischen Kirche. Noch in bester Erinnerung ist Hedwig das Glockenläuten. Oft durfte sie am Glockenseil ziehen. Oder sie sorgte als „Balgtreterin“ für den richtigen Wind der Orgel.

An die schwere Nachkriegszeit erinnert sie sich gut. Die Menschen kamen von weit her nach Spraitbach, um Lebensmittel zu bekommen. Ihrer Familie, die nie mit Reichtümern gesegnet war, sei das Teilen trotzdem ein wichtiges Anliegen gewesen. Keiner musste mit leeren Händen den Hof verlassen.

Einen Ehemann zu finden, war in der Nachkriegszeit nicht einfach, erzählt Hedwig. Viele junge Männer kamen aus dem Krieg nicht mehr heim. Und Zwei Drittel der Bevölkerung in Spraitbach war katholisch. „Das hätte mein Vater nicht mit seinem Glauben vereinen können“, beschreibt Hedwig die damaligen Verhältnisse. Karl Dürr wurde von Nachbarn auf sie aufmerksam gemacht. Bei seinem Antrittsbesuch „bin ich geflüchtet“, erinnert sich Hedwig lachend. Ihre Eltern aber waren von dem jungen Mann begeistert. Am 20.  Dezember 1958 wurde eine Dorfhochzeit gefeiert, die Kirche war voll, danach ging es mit einer Prozession zur Gaststätte. Renate und Andreas kamen zur Welt. Mit dem Tod von Karl endete 1976 die Ehe.

Crashkurs für den Operateur

Die Landwirtschaft und die Arbeit im Wald hielten Hedwig auf Trab. Die Hände in den Schoß zu legen, war nicht vorgesehen. Urlaub gab es keinen. „Die Tiere mussten immer versorgt werden“. Mit ihrem unerschütterlichen Glauben hat Hedwig alle Lebenslagen gemeistert. Auch Unfälle: Nach einem Sturz vom Heuwagen steckten die Ärzte sie für drei Monate in ein Gipskorsett. Nur wenig später war Hedwig mit Korsett auf dem Feld zu finden, wo sie den Garbenwagen belud. Nach einem Sturz vor fünf Jahren wurde ein Oberschenkelbruch genagelt. „Ich spüre nichts mehr davon“, sagt Hedwig. Auch hier habe der Herrgott über ihr gewacht. Rettender Engel sei damals eine Dame gewesen, die alles für eine schnelle Erstversorgung in die Wege leitete. Bei einem weiteren Sturz brach ihr Oberarm, der operiert werden musste. In Teilnarkose. Hedwig gab dabei dem „norddeutschen“ Operateur einen unterhaltsamen „Crashkurs“ für Schwäbisch.

Sehnsüchtig blickt Hedwig jetzt auf ihren Garten, den sie bis letztes Jahr noch allein bearbeitet hat. Schon wieder juckt es ihr in den Fingern. Angst vor einem weiteren Sturz hat sie nicht. Die Lage an der Hauptstraße gibt ihr Sicherheit „wenn ich umfalle, findet mich schnell jemand“. Sie habe vom Leben nie mehr erwarte als Gesundheit und Zufriedenheit, das habe 101 Jahre lang funktioniert, findet Hedwig dankbar.

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