Überraschungen im alten Gemäuer

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Uralte Flasche gefunden im Rathaus Spraitbach
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Wie die Bauarbeiten im historischen Teil des Spraitbacher Rathauses vonstatten gehen. Was sich zwischen den Balken und unter den Fliesen oder hinter dem Putz verbirgt.

Spraitbach

Hier war einmal mein Büro“, erklärt Bürgermeister Johannes Schurr, während er vorsichtig die Arme ausbreitet und über uralte Balken balanciert. Nach Büro sieht es überhaupt nicht aus im historischen Teil des 1907 unter Schultheiß Johannes Hägele gebauten Rathauses. Eher nach einer Großbaustelle, auf der noch jede Menge zu tun ist.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte der Gemeinderat den Startschuss für diesen zweiten Bauabschnitt gegeben und der Planung des Gmünder Architekten Jürgen Bauer zugestimmt. Zwar waren damals Wünsche offen geblieben, da das Denkmalamt zum Beispiel im historischen Dachstuhl keine Dämmung akzeptieren wollte und das Trauzimmer dort ad acta gelegt werden musste. Aber man würde, wenn die Zuschüsse wie erwartet fließen, eines der wichtigsten Projekte im Sanierungsgebiet Ortsmitte abschließen können.

Bis zur erhofften Zusage im Sommer wurden nun die Ausschreibungen vorbereitet, um im Herbst die Arbeiten vergeben zu können. 1,725 Millionen Euro investiert Spraitbach für diese Baumaßnahme, erklärt Kämmerer Bernhard Deininger. Für die mit den Experten der zuständigen Landsiedlung abgestimmten Arbeiten seien als Fachförderung aus dem Landessanierungsprogramm 839 000 Euro zusagt und aus dem Ausgleichsstock, dem Topf für finanzschwache Kommunen, gibt es 103 000 Euro - insgesamt 54 Prozent Förderung, freut sich Deininger - „weil es ein Denkmal ist“.

Im September wurden die ersten Aufträge vergeben: Roh- und Gerüstbau, Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten, Klempner, Glaser und Elektro sowie Heizung und Sanitär waren damit unter Dach und Fach - für unterm Strich insgesamt 588 599 Euro.

Was das Vorhaben auf dem Papier zwar voranbrachte, in der Realität aber nicht. Bürgermeister Johannes Schurr musste dem Gemeinderat in der folgenden Sitzung sogar eine Verzögerung bekannt geben, „weil nicht genügend Arbeiter da sind.“ Das habe sich mittlerweile geändert, erzählt er. Aktuell ist viel los im historischen Gemäuer: „Da fliegen die Balken und Mörtelreste.“ Es laufen, nachdem das Außendach erneuert und dicht ist, jetzt nämlich die Abbrucharbeiten im Innern.

Der Statiker ist noch mal gefragt

„Zuletzt haben wir die Holzbalkendecken frei gelegt,“ beschreibt Architekt Jürgen Bauer den Ablauf der Maßnahme. Und verrät, dass die Dimension der Balken und damit die Statik den Verantwortlichen durchaus Kopfzerbrechen bereite. „Damals war das sicher normal. Aber für die heutigen Anforderungen sind sie zu schwach“, erklärt er. Weshalb die Konstruktion neu aufgemessen und dem Statiker vorgelegt wurde. Vermutlich müssten, neben den alten, noch neue Balken oder Stahlträger eingezogen werden.

Das sei im Übrigen nicht die einzige Überraschung im alten Gemäuer gewesen, erzählen Bürgermeister und Architekt. Nicht schlecht gestaunt haben die Sanierer auch, als in der Bücherei im Erdgeschoss die Bodenkacheln entfernt wurden. Weiter hinten, weg von der Straße, lagen die Fliesen samt dünner Kleberschicht direkt auf dem Naturboden. Und unter der dünnen Dreckschicht kam der Fels. „Das wäre ja eigentlich nichts Schlechtes“, meint der Architekt, hätte das Gestein unter dem Rathaus nicht außerdem bis zu einem Meter tiefe Risse in den Schichten gehabt. Die müssten nun erst ausgegossen werden.

Insgesamt, gibt der Architekt dem Bürgermeister recht, halten sich die bösen Überraschungen bislang in Grenzen. Den einst anvisierten Eröffnungstermin im Juli 2022 werde man trotzdem nicht einhalten können. Und belastbare Prognose zur Fertigstellung will er erst geben, „wenn wir in etwa vier bis sechs Wochen die Decken und Böden im Griff haben“, sagt Jürgen Bauer. Denn es sind noch eine ganze Reihe Gewerke, die ausgeführt werden müssen. Für insgesamt 183 876 Euro wurden Maler-, Gipser, Schreiner- Estrich und Trockenbauarbeiten vergeben.

Und dann ist da noch die Fassade - optisch zweigeteilt in einen Natursteinsockel und ab dem ersten Obergeschoss verputzt. Glückliche Fügung hat den Spraitbachern in Restauratorin Martina Fischer aus Mutlangen eine Fachfrau beschert, die sich des Projekts annehmen konnte. Weshalb der Gemeinderat noch im Dezember einer Spezialfirma den Auftrag erteilte, die jetzt unter Fischers Leitung für 98 662 Euro die Natursteinfassade samt Treppe instand setzt.

Der obere, verputzte Teil der Fassade bereitet dem Architekten aktuell Kopfzerbrechen. „Der Putz ist vermutlich noch aus der Bauzeit um 1907 und höchstens ausgebessert und neu gestrichen worden“, sagt Jürgen Bauer. Deshalb muss, nachdem dahinter ein nicht unbedeutender Hohlraum entdeckt wurde, mit dem Denkmalamt das weitere Vorgehen abgesprochen werden. „Das ist eine sehr spannende Geschichte“, findet der Architekt.

Vorfreude auf die neue Bücherei

Bürgermeister Johannes Schurr schmiedet derweil schon Pläne zur neuen Bücherei, die nach der Sanierung dort wieder einziehen soll, wo vor über 100 Jahren die Garage für die Feuerwehrspritze und den Leichenwagen sowie später eine Art Bürgersaal untergebracht war. „Alles wird größer, heller, schöner und vor allem digitaler“, schwärmt er davon, dass die Büchereikunden ihre Medien dann online vorbestellen oder die Verfügbarkeit prüfen können. Was dem Bürgermeister besonders gefällt: Der Impuls Richtung Moderne kam von den Bibliothekarinnen Angelika Williamson-Lippert und Sonja Fuhrmann-Hogh. Diese haben nun den Bestand durchforstet, das Vorhandene digitalisiert und für neue Inhalte gesorgt, sagt der Schultes und freut sich schon auf die Eröffnung dieses Angebots für die Bürger.

Einen „Schatz“ gefunden

Außerdem ist Johannes Schurr froh, dass die Verwaltung nicht während der Umbauzeit ins ehemalige evangelische Gemeindehaus umgezogen, sondern im neuen Anbau quasi zusammengerückt ist. „Wir hätten nicht nur beim Umzug viel mehr Zeit verloren, sondern würden auch unter der längeren Bauzeit mehr leiden“, erklärt er während der Besichtigung der Baustelle. Und findet, als er für ein Foto über die Sparren balanciert, ganz plötzlich in den Zwischenräumen einen besonderen Schatz: Eine alte Bierflasche mit Bügelverschluss, sicher vor 1907 abgefüllt von einer Gmünder Brauerei. „Eigentum der Schlüsselbrauerei - Gebrüder Fuchs - Gmünd“ steht darauf zu lesen. Exakt dieselbe Flasche, die Frank Messerschmidt aus Bettringen jüngst bei Bauarbeiten gefunden und dazu recherchiert hat. „Nur das unsere Flasche heil ist“, sagt Johannes Schurr lachend.

Im Juli sind wir ganz sicher nicht fertig.“

Jürgen Bauer,, Architekt
Uralte Flasche gefunden im Rathaus Spraitbach
Sanierung Rathaus Spraitbach, Johannes Schurr in seinem Arbeitszimmer

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