Ein Pflegelotse durch den Dschungel

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Mühsame Wege alleine gehen, ist häufig Alltag für pflegende Angehörige.
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Was sich pflegende Angehörige wünschen, um mehr Kraft für die eigentliche Pflegearbeit zu haben, und welche weiteren Ideen sie haben für gute Lösungen in einer schwierigen Zeit.

Täferrot

Das ist genau die Situation, die sich niemand im Leben vorher ausmalt: Plötzlich kommt der Anruf, dass der Lebenspartner einen Unfall hatte. Oder es wird eine Krankheit diagnostiziert, mit der niemand rechnen konnte. In aller Regel trifft es die Menschen unvorbereitet. Sie sollen und wollen die Pflege eines anderen übernehmen. Aber sie haben keine Ahnung, keinen Plan, keine Vorstellung von den Hilfsmöglichkeiten. Und sie haben, sagt Annegret Schatz, „in ihrer Situation auch keinen kühlen Kopf, um an den richtigen Stellen zu suchen“.

Annegret Schatz weiß, wovon sie spricht. Die Täferroterin pflegt ihren Mann nach einem schweren Sturz. Sie hilft beim Waschen und Duschen, beim Essen und Gehen, sie bewältigt alles im Haushalt alleine, hievt den schweren Rollstuhl ins Auto und wieder hinaus, organisiert die Anwendungen und die notwendige Behandlung, fühlt sich alleine im Dschungel der Unterstützungsangebote. Steckt Rückschläge ein. Und ist irgendwann, wie fast alle Menschen in dieser Situation, am Ende ihrer Kräfte.

Über eine Freundin habe sie damals zum Glück den Gesprächskreis für pflegende Angehörige entdeckt, erzählt Annegret Schatz. Frauen und Männer tauschen sich dort unter der professionellen Anleitung von Supervisorin Christine Class aus - über ihre aktuelle Lage, die Geschichte mit dem Partner, über die psychische Situation, aber auch über die finanzielle Lage.

Allesamt Themen von großer Brisanz, betont Christine Class und verrät, dass sie als Gesprächsleiterin in der Gruppe immer wieder geschockt gewesen sei, was die Angehörigen alles leisten müssen in einem System, dem es vor allem an Transparenz fehle. Schnell sei diese Erkenntnis verbunden gewesen mit dem dringenden Wunsch, nach guten Lösungen in der für die Betroffenen schwierigen Situation zu suchen, erzählt Christine Class. Weshalb sie vor der Bundestagswahl zwei Online-Foren veranstaltet und vor wenigen Wochen die neu gewählte Abgeordnete Inge Gräßle sowie Margot Wagner vom Kreisfrauenrat eingeladen hat. „Die Mühlen des Gesetzes mahlen langsam. Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig zu fragen, wie will ich leben im Alter und was gibt es in meiner Kommune an Unterstützung“, betont Class.

Ganz eindeutig wünschen sich die Mitglieder des Gesprächskreises, dass die Angebote von Pflegekasse und Krankenkasse gebündelt werden sollten - so, dass die Pflegeperson und der pflegende Angehörige über das der Situation angemessene Budget eigenverantwortlich entscheiden können. „Es ist nicht wertschätzend, wenn jede Unterstützung einzeln beantragt, also quasi erbeten werden muss“, findet Christine Class. Gäbe es einen einzigen Topf, wäre das System auch für noch Ungeübte durchschaubar. „Es ist ja nicht alles schlecht, war es gibt. Und es muss ja auch nicht alles bezahlt werden“, findet Annegret Schatz. Ihr als pflegender Angehöriger würde aber das Gefühl, den Überblick zu haben, Sicherheit und Bestätigung geben.

Zweiter wesentlicher Punkt einer guten Lösung wären Pflegelotsen, die nach dem Vorbild der Gemeindeschwestern zu den Betroffenen hingehen. Die sich auskennen mit den Hilfsangeboten, den Versicherungen, den Steuervorschriften, den Zuständigkeiten. „Da steht ein höherer Beratungsgedanke dahinter, als bei den Pflegestützpunkten, die es auf der Ostalb gibt - und eine Gehstruktur anstelle der aktuellen Kommstruktur, für die viele Betroffene zu alt oder zu stark eingespannt sind“, sagt Christine Class. Pflegelotsen könnten den Angehörigen den Kampf mit Anträgen erleichtern - womöglich manchen Widerspruch oder Rechtsstreit vermeiden, damit mehr Kraft bleibt für die Pflegearbeit, für die manche ihren Beruf aufgegeben oder reduziert haben. Womit sie auf eine ordentliche Rente verzichten und Altersarmut riskieren. Wäre es nicht sinnvoll, die Pflege eines Angehörigen ähnlich zu bewerten wie die Erziehungsarbeit, fragen die Mitglieder der Gruppe die politisch Verantwortlichen.

Sich rechtzeitig fragen: Wie will ich leben?“

Christine Class,, Supervisorin
  • Gesprächskreis für pflegende Angehörige
  • Annegret Schatz besucht den Gesprächskreis für pflegende Angehörige der katholischen Sozialstation St. Martin in Aalen einmal im Monat mittwochs von 10 bis 12 Uhr in der Mohlstaße 25. Das Angebot ist kostenlos. Anmelden kann man sich unter (07361) 32183 oder per Mail info@christine-class.de
  • Auch in der Spitalmühle in Schwäbisch Gmünd gibt es einen Gesprächskreis für pflegende Angehörige, die sich in der Regel einmal im Monat mittwochs von 18 bis 20.30 Uhr treffen. Ansprechpartnerin ist Sonja Hoffmann (07171)603 5082 odersonja.hoffmann@schwaebisch-gmuend.de

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