Urteil für Sekundenversagen mit tödlichen Folgen

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Amtsgericht Schwäbisch Gmünd
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Richter verhängt eine Geldstrafe für die fahrlässige Tötung eines Pedelecfahrers bei Pfersbach.

Mutlangen-Pfersbach/Gmünd. „Wer noch nie eine Sekunde unaufmerksam war, der werfe den ersten Stein“, sagt Richter Johannes Heth bei der Urteilsverkündung. Und wohl jeder im Saal kann mitleiden mit beiden Seiten: Dem 37-jährigen Angeklagten, der durch einen „einfachen Fahrfehler“ und eine Verkettung unglücklicher Umstände ein Menschenleben auslöschte. Und den Angehörigen des 64-jährigen Opfers, das sein Leben lassen musste, weil es zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Das sieht das Gericht am Ende der Verhandlung als erwiesen an: Der Angeklagte fuhr am nebligen Morgen des 14. Dezember 2021 in Richtung Alfdorf zur Arbeit. „Ich bin aufgestanden wie jeden Tag, hab nach meinen Kindern geschaut, mich von meiner Frau verabschiedet. Wir sagen uns immer: fahr vorsichtig,“ beschreibt der Angeklagte. Unter Tränen erzählt er dann, wie er in einer Linkskurve zwischen Pfersbach und Adelstetten nach rechts von der Fahrbahn abkam und in Sekundenschnelle, für ihn im Detail nicht nachvollziehbar, in der Wiese landet. „Ich bin ausgestiegen und war nur froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, sagt er weinend. Denn dass sein über die Leitplanke schanzender Wagen einen Pedelec-Fahrer auf dem Radweg neben der Fahrbahn voll getroffen und getötet hat, das hat der Unfallfahrer erst gehört, als die Polizei in der nebligen Morgendämmerung die genaue Unfallstelle sucht und dabei das Opfer, das sofort tot war, findet. Realisiert, was eigentlich passiert ist, hat der geschockte Angeklagte all das erst, „als meine Frau es mir erklärt hat.“

Als Zeugen bestätigen die Polizeibeamten diese Einlassungen. „Ich glaube Ihnen das“, sagt Richter Johannes Heth und analysiert das Geschehen als „eine Verkettung extrem ungünstiger Umstände“: Die erst im Verlauf der Kurve einsetzende Leitplanke hat das Fahrzeug ausgehebelt, es war ohne Bodenkontakt nicht lenkbar. Der Angeklagte war „weder betrunken, noch nachweislich zu schnell“. Er habe sich auch nicht um die Verantwortung gedrückt und irgendwelche Ausreden wie einen Reifenplatzer oder einen Wildwechsel ins Feld geführt. Er habe sich kooperativ verhalten und sein Handy auslesen lassen, das klar belege, dass an diesem Morgen erst nach dem Unfall telefoniert worden war. Er zeige glaubhafte Reue und Bedauern. Trotzdem, sagt der Richter, sei dieses „Sekundenversagen“ als fahrlässige Tötung zu bewerten, denn ein Autofahrer habe die Pflicht, in jeder Situation Herr der Lage zu sein und sein Fahrzeug zu beherrschen. Weil aber in der Gesamtbetrachtung das so genannte Handlungsunrecht sich als „einfacher Fahrfehler“ ohne nachweislich verantwortungsloses Verhalten darstelle, verurteilt Heth den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen á 70 Euro und zwei Monaten Fahrverbot. Außerdem müsse er die Kosten des Verfahrens tragen und die Auslagen der Nebenklage.

Für den zweifachen, bislang unbescholtenen Familienvater, der noch sein Eigenheim abbezahlt und sich mit Selbstvorwürfen quäle, sei das Bürde genug. Zumal der Angeklagte über die Polizei auch den Versuch unternommen habe, mit den Hinterbliebenen des Opfers Kontakt aufzunehmen.

Staatsanwältin Andrea Koller hatte eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen á 70 Euro gefordert und sich über die Strategie der Verteidigung empört, die einen Freispruch forderte, da weder ein subjektiver noch ein objektiver Sorgfaltsverstoß nachgewiesen werden könne. Dass der Angeklagte echte Reue zeige, besänftigte sie. Auch der Nebenkläger sprach von einer „Unaufmerksamkeit mit tragischem Ausgang“. Er kritisierte, dass der Angeklagte hauptsächlich sich und seine Familie bedaure. Dabei solle er sich mehr mit den Hinterbliebenen des Opfers beschäftigen. Er hatte fünf Monate Freiheitsstrafe gefordert, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollen. Anke Schwörer-Haag

Amtsgericht Schwäbisch Gmünd

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