Aus tiefen Gräben zum Füreinander

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Dass Wißgoldingen seit 50 Jahren zu Waldstetten gehört, steht nicht nur auf dem Ortsschild, sondern wird auch mit Leben gefüllt.
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Seit 50 Jahren gehören Wißgoldingen und Waldstetten zusammen. Der Weg dahin gestaltete sich holprig.

Waldstetten-Wißgoldingen

Sogar Handgreiflichkeiten waren im Spiel - neben Gesprächen, Verhandlungen, ganzen vier Bürger-Abstimmungen und letztendlich der Eingemeindung Wißgoldingens zu Waldstetten. Es menschelt - auch bei einem bürokratischen Akt von der Tragweite der Gemeindereform vor 50 Jahren.

So landete etwa echte Stuifenerde im Stuttgarter Landtag, als es darum ging, ob Wißgoldingen zum Altkreis Gmünd oder zum Kreis Göppingen gehören sollte, erinnert sich Waldstettens Altbürgermeister Rainer Barth. Seinerzeit Waldstetter Kämmerer, half er mit, die am Wißgoldinger Hausberg eingesammelte Erde in Tütchen zu packen und zur fraglichen Abstimmung im Landtag zu verteilen. „Die Aktion war erfolgreich“, sagt er zu dem symbolischen Akt, zu dem der Wißgoldinger Gemeinderat Franz Altrichter die Idee gehabt habe. 

Vorsichtig feiern

Eine Rolle gespielt haben mag dabei womöglich die Tatsache, dass zuvor Alfdorf wegen eines Zählfehlers bei der Abstimmung zum Rems-Murr-Kreis statt zum Altkreis Gmünd kam. Viele Abgeordnete hätten damals gesagt, Wißgoldingen Göppingen zuzuschlagen, „das können wir unserem Erich Ganzenmüller (dem Gmünder CDU-Landtagsabgeordneten, Anm. d. Red.) nicht auch noch antun“,  erzählt der mittlerweile verstorbene Kurt Stütz, damals stellvertretender Stellvertreter des Wißgoldinger Bürgermeisters, im Buch „Wißlinger G’schichtle und mehr“. Mit der Zuordnung zum Altkreis Gmünd im Juli 1971 „war besiegelt, dass Wißgoldingen nach Waldstetten eingemeindet wird“, erzählt Stütz weiter. 

Bis es so weit war, hatten sich einige Streitpunkte aufgetan. Als damaliger Vorsitzender des Wißgoldinger Turnvereins erinnert sich Stütz, dass das 14-tägige Fest zum 75. Jubiläum genauestens geplant werden musste, „dass die Pro-Waldstetten-Anhänger und die Pro-Donzdorf-Anhänger nicht gemeinsam an einen Verkaufsstand und schon gar nicht zusammen an einen Tisch kamen“.

Mehrfach für Waldstetten

Nicht nur einmal haben die Wißgoldinger über die Frage abgestimmt, ob sie zu Waldstetten oder zu Donzdorf gehören wollen. Jedesmal mit großer Beteiligung, wie Gemeindearchivar Friedrich Kopper in einer Chronologie über den Zusammenschluss zusammengetragen hat. Jede Bürgeranhörung ist zugunsten Waldstettens ausgegangen, „und zwar deutlich“, sagt er. Bei der formlosen Befragung am 15. November 1970 waren 54,7 Prozent der Teilnehmenden für den Anschluss an Waldstetten. Bei der gesetzlichen Anhörung zwei Wochen waren es 55,7 Prozent. Bei der formellen Bürgeranhörung am 25. April 1971 waren 60,35 Prozent der Wählenden gegen die Eingemeindung zu Donzdorf. 

Sowohl Donzdorf als auch Waldstetten warben mit Flugblättern um die Gunst der Wißgoldinger. Barth erinnert sich an einen Samstag, als er mit vier weiteren Verwaltungskräften die Zettel in den Briefkästen im Ort verteilt hat. Guter Stimmung seien die Rathausangestellten zum Abschluss in Wißgoldingen eingekehrt. Und dann, auf dem Heimweg, als im „Hölzle“ in Weilerstoffel noch Licht brannte, haben sie dort „gleich nochmal gefeiert“.  

Auch am ersten Wahlsonntag war Barth zum Frühschoppen im „Löwen“, wo sich die Donzdorf-Wähler trafen. „Es war brechend voll und wurde heftig diskutiert.“ Der Streitpunkt: Waldstetten sei viel höher verschuldet als Donzdorf. Barth als Kämmerer konnte den Unterschied von rentierlichen Schulden - etwa für die Kläranlage, für die die Gemeinde Gebühren einnahm - und unrentierlichen Schulden, etwa für eine neue Schule oder ein Rathaus, die nur Kosten verursachen, erklären. Und verdeutlichen, dass Waldstetten da besser dastand als Donzdorf.   

Zu Boden geschlagen

Auch im Wißgoldinger Gemeinderat wurde munter gestritten. Bereits am 2. Dezember 1970 entschied das Gremium mit vier zu sieben Stimmen gegen den Eingemeindungsantrag nach Waldstetten. Aus Protest wollten drei Räte zurücktreten.  „Der Saal war brechend voll“, erinnert sich Barth. Auch daran: „Da gab‘s Radau“ und plötzlich sei das Licht ausgegangen. Barth, der durchaus mit einer Schlägerei rechnete, hat schleunigst den Saal verlassen. Nicht so glimpflich ging der Abend für einen Gemeinderat aus, der gegen die Eingemeindung nach Waldstetten gestimmt hatte. Er wurde auf dem Heimweg zu Boden geschlagen, hält Kopper fest. Ein Polizist, der helfen wollte, erlitt einen Bänderriss. „Da sind Gräben durch den gesamten Ort gegangen.“.

Mit der Kommunalwahl im Oktober 1971 änderten sich die Mehrheiten im Wißgoldinger Gemeinderat, sieben von zehn waren nun für die Eingemeindung nach Waldstetten. Die Wißgoldinger stimmten am 9. Januar 1972 ein allerletztes Mal ab: 66,29 Prozent der Wählerinnen und Wähler waren für Waldstetten. Seit dem 1. Februar 1972 gehört Wißgoldingen zu Waldstetten. Und damit sollte Schluss sein mit allen Nickeligkeiten. Von Anfang an habe im Gemeinderat, zu dem nun auch Wißgoldinger gehörten, gegolten: „Es muss ein Füreinander sein“, sagt Kopper.

Auch für Waldstetten war der Zusammenschluss wichtig. Unterm Stuifen ging's um die Frage, ob die Gemeinde zu Gmünd kommt. „Wir Waldstetter haben uns mit Händen und Füßen gewehrt“, sagt Kopper. Es sei klar gewesen, dass die Gemeinde in dem Fall nicht so gut wegkommen würde. Über den Zusammenschluss mit Wißgoldingen sagt Kopper: „Es war ein Bemühen von beiden Seiten da, etwas Gutes daraus zu machen.“

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