Kunst aus dem Schredder

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Claus Lang (r.) schafft aus Schichtungen geschredderter Daten-CDs und -DVDs „Speicherkristalle“, die mit Licht, Farben und Reflexionen ihrer Umgebung interagieren; Karl Fiedler freut sich über die Ausstellung im Wißgoldinger "KuKaff".
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Claus Lang setzt die Daten seines Lebens neu zusammen und schafft mit der Umgebung interagierende  Objekte. Einige dieser „fragments“ sind im Wißgoldinger „KuKaff“ zu sehen.

Waldstetten-Wißgoldingen

Ab in den Schredder und weg damit: So hätten die zahlreichen Discs eigentlich enden sollen, die sich bei Claus Lang seit etwa 2002  als Sicherheitskopien seiner Arbeit als Grafik-Designer und seines Privatlebens angesammelt hatten. Aber: „Ich bin Sammler“, sagt er. Außerdem ist er Künstler. Und so verwandelt er die Datenträger seit 2014 in etwas ganz Neues.

Trotzdem bleibt den Discs der Schredder nicht erspart. Heraus kommen etwas mehr als einen Zentimeter breite, längliche Streifen aus mehr oder weniger durchsichtigem Plastik und vielfarbig glänzender CD-Beschichtung mit Resten von Beschriftung. Diese Bruchstücke – Fragmente -  fügt Lang zu neuen Formen zusammen, denen er durch viele übereinander geklebte Schichten Dreidimensionalität verleiht. Die fertigen Reliefs spannt er zwischen zwei Glasscheiben. An der Wand oder frei im Raum hängend können sie ihre Wirkung entfalten. So sind die etwa einen Meter hohen „fragments“ entstanden, die gerade im Wißgoldinger „KuKaff“ ausgestellt sind. Sie heißen: „Orph“ – eine sich spiralig windende Form. „IO“ – zu lesen wie Input/Output oder wie die Binärzahlen eins und null, die wie eine gehende Person wirkt. Und „)(“ – die zwei Klammern entsprechen der Form des Fragments, das sowohl Flügelpaar als auch Schmetterling sein könnte. Lang ist offen für Interpretationen der Betrachtenden, die Wahrnehmungsvielfalt  findet er spannend.  Er selbst sieht „ein paar Sekunden meines Lebens“ – die Daten auf den Disks – „und gleichzeitig eine ganz neue Form“. 

Jedes der drei großen Objekte folgt einem Farbschema, so stechen an „Orph“ aus den glänzenden, an- und aufeinandergeschichteten Streifen die Farben Rot und Blau hervor. „IO“ fesselt das Auge durch hochglänzende, wie in wogenden Wellen angeordnete Elemente. Und bei „)(“ ist grün die bestimmende Farbe. Was bei allen dreien  und bei den weiteren, kleineren, „CPU“ genannten, quadratischen Objekten im Raum keine abschließende Feststellung ist. Während Lang im „Kukaff“ seine Arbeit erklärt, wechselt der graue Januarnachmittag von hell zu dämmrig und die Objekte an der Wand verändern sich beständig. So glänzen hier einige tiefrote DVD-Scherben auf, erscheint dort im silbrigen Hochglanz ein dunkelblaues Leuchten und wechseln die gelblichgrünen Flügelränder zu einem bläulich-grünen Schimmer. Und dann ist da noch das „Lux aeterna“ benannte, quadratische Werk. Es ist tiefer und zugleich luftiger als alle anderen, dominiert von goldfarbenen Einsprengseln. Das Auge sortiert, will die diffusen Schichten scharf stellen und durchdringen und erahnt nach mehreren Wechseln der Perspektive ein eingearbeitetes Kruzifix.    

Besuchern in dem als Dorfcafé dienenden Raum bieten diese stetigen Veränderungen immer neuen Gesprächsstoff, erlebt „KuKaff“-Kümmerer Karl Fiedler. Mit der Ausstellung will er etwas für das „Ku“ – die Kultur – im Namen des Treffpunkts tun und hofft außerdem, weitere Kunstschaffende dazu inspirieren, ihr Schaffen hier zu präsentieren. Lang gefällt, dass seine Sachen nicht in einer Galerie hängen, wo in der Regel nur ein bestimmtes Publikum unterwegs sei. 

Lang freut sich daran, was Besucher in seinen Werken beobachten. „Das Verrückte ist“, sagt Lang, „dass ich selbst immer noch Neues entdecke“. Der Effekt kommt nicht von ungefähr, dafür sortiert er die Disk-Streifen nach Farben, jagt manche ein weiteres Mal durch den Schredder, zerbricht erneut, was dieser ausgespuckt hat, macht sich die Wirkung der beim Zerhäckseln aufgebrochenen CD-Beschichtung zunutze oder hilft mit dem Fingernagel nach, legt und klebt die Einzelteile an- und übereinander. Etwa dreieinhalb Monate arbeitet er an einem der großen „fragments“. Für eine der etwa 20 auf 20 Zentimeter großen „CPUs“ klebt er zwölf Schichten geschreddertes Material zu einem etwa zwei Zentimeter dicken Relief zusammen, etwa 50 Disks stecken in einem solchen Objekt.

An den geschraubten Glasrahmen, die die fertigen Werke allein durch Druck an ihrem Platz halten, hat Lang einige Zeit getüftelt.  Ab und zu halten dennoch kleine glänzende Stückchen nicht mehr im  Relief. Dann „rutschen ein paar Minuten von meinem Leben unten raus“. Klar, dass der Sammler Lang sie nicht einfach wegwirft. Stattdessen steckt er sie in eigens dafür hergestellte schwarze  Schächtelchen. Und schon erzielen sie eine neue Lichtwirkung.  

Die Ausstellung „fragmentale“ im Wißgoldinger „KuKaff" ist dienstags von 14 bis 22 Uhr geöffnet, Finissage ist am 4. April.  

Claus Lang schafft aus Schichtungen geschredderter Daten-CDs und -DVDs „Speicherkristalle“, die mit Licht, Farben und Reflexionen ihrer Umgebung interagieren.
Claus Lang schafft aus Schichtungen geshredderter Daten-CDs und -DVDs „Speicherkristalle“, die mit Licht, Farben und Reflexionen ihrer Umgebung interagieren.
Claus Lang (r.) gefällt das "KuKaff" in Wißgoldingen als Ausstellungsort jenseits von Galerien; Karl Fiedler ist es wichtig, das "Ku" - für Kultur - mit der Ausstellung zum Kaff(ee) in dem Wißgoldinger Dorftreff zu bedienen.
In „Lux aeterna“ versteckt sich ein Jesus am Kreuz.
Claus Lang schafft aus Schichtungen geshredderter Daten-CDs und -DVDs „Speicherkristalle“, die mit Licht, Farben und Reflexionen ihrer Umgebung interagieren.
Claus Lang mit aus dem Werk gerutschten "Minuten meines Lebens".

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