Der doppelt ausgebremste ehrenamtliche Macher

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Langlaufen, stationäres Rad, Rudergerät – und nach Gegebenheiten auch Schneeschippen: Paul Lerchenmüller findet einige Möglichkeiten, um sich fit zu halten. Schwieriger ist es mit den Angeboten des Altenfördervereins, dem er vorsteht.
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Paul Lerchenmüller nutzt minimale Kontaktmöglichkeiten zu Senioren im Heim und hat selbst zu kämpfen.

Waldstetten

Total auf Eis gelegt", fühlt sich Paul Lerchenmüller in diesem Corona-Jahr. Kein Nachtcafé, kein offener Mittagstisch, kein gemeinsames Singen mehr im Altenpflegeheim St. Johannes, alles Dinge, die Lerchenmüller als Vorsitzender des Altenfördervereins (AFÖ) angestoßen hat, damit die Senioren im Heim in die Gemeinschaft der Waldstetter Bürger integriert sind. "Wir verlieren langsam den Kontakt", sagt er nun, denn "im Heim können wir zur Zeit gar nichts machen", das entspräche nicht den Corona-Schutzmaßnahmen.

Kontakt zu den Senioren gibt es für die AFÖ-Mitglieder gerade höchstens am Fenster. So konnte immerhin das ehrenamtliche Helferteam des AFÖ, das seit Jahren den Garten im Innenhof des Seniorenzentrums pflegt, die dort im Herbst nötigen Arbeiten verrichten. Und Paul Lerchenmüller konnte in seine traditionelle Rolle als Nikolaus schlüpfen.

Zu langwierige Prozedur

Man muss geduldig sein.

Paul Lerchenmüller

Auch das Bürgermobil, ein weiteres von Paul Lerchenmüllers Ehrenamtsprojekten, für das er sich bei der telefonischen Terminvergabe engagiert, fährt coronabedingt nur noch selten. Die Nachfrage sei gering und die Bedingungen, unter denen der gemeinnützige Fahrdienst aktiv werden darf, seien schwierig. So wollten die Ehrenamtlichen für Senioren Fahrten zum Kreisimpfzentrum in Aalen anbieten. Doch mehr als zwei am Tag seien gar nicht möglich, weil das Auto nach einem Einsatz erst desinfiziert werden muss.

Dass für Paul Lerchenmüller das vergangene Jahr mit angezogener Bremse verlief, liegt jedoch nicht nur an der Corona-Pandemie, sondern an einer für den 86-Jährigen ganz neuen Erkenntnis: "Ich habe immer gedacht, dass nur andere Leute ins Krankenhaus kommen", sagt er leicht ironisch. Als er vor einem Jahr im Skiurlaub in Südtirol Probleme beim Atmen hatte – nicht das Corona-Virus, sondern eine nicht richtig arbeitende Herzklappe war dafür die Ursache -, musste er sich eingestehen, dass auch er nicht vor Krankheit gefeit ist. Im Gegenteil. Von seinem Aufenthalt in einer Stuttgarter Klinik, in der die Herzklappe gerichtet werden sollte, "fehlen mir ein paar Tage". Denn "plötzlich ging's mir grottenschlecht", eine Notoperation rettete ihn. Das Erlebte habe ihn nachdenklich gemacht. Und ihm andererseits die Erkenntnis gebracht, "dass es hier ein tolles Gesundheitssystem gibt". Nach Klinikaufenthalt und Reha konnte Paul Lerchenmüller "sowieso nicht viel machen". Wenngleich das nicht heißt, dass er sich komplett ausbremsen ließ. Er sorgt nun mit einem stationären Rad und einem Rudergerät für seine Kondition und der Schnee kam gerade recht zum Langlaufen.

Trotzdem bleibt wegen der eingeschränkten Möglichkeiten für soziale Kontakte, die Paul Lerchenmüller wenigstens telefonisch pflegt, noch viel übrige Zeit. Die nutzt er etwa fürs Kochen, wofür er sich gerne Besonderes überlegt. Außerdem liest er nun jede Woche die "Zeit", durch die kaum komplett durchzukommen sei. Dazu besitzt er "irrsinnig viele Bücher", von denen gerade "Die Meuterei auf der Bounty" dran ist. Pausieren muss er mit dem Chorgesang. Im Gegensatz zu seiner Frau Christine, die ab und zu mit höchstens drei weiteren Personen in Gottesdiensten singt. Dafür trage seine Stimme nicht genug, sagt Paul Lerchenmüller – um den charmanten Schalk rauszuhören, reicht es allemal. Er freut sich darauf, wenn der Chor wieder komplett loslegen darf. Grundsätzlich gelte nun eben: "Man muss geduldig sein."

Theologie, die Liebe und viele Ideen

Paul Lerchenmüller kam 1934 in Hilsbach bei Sinsheim zur Welt. Nach der Schule studierte er Theologie, wurde Kaplan und diente acht Jahre als Militärpfarrer. Die Liebe ließ ihn andere Wege einschlagen. Er wurde Religionslehrer am Berufsschulzentrum in Gmünd. 1981 zog er mit seiner Frau Christine und den Kindern nach Waldstetten. Vorsitzender des Altenfördervereins wurde Lerchenmüller dort rasch. Und hatte viele Ideen: ein Begegnungscafé im Seniorenheim, später das Nachtcafé. Den offenen Mittagstisch und das Bürgermobil, 22 Jahre lang engagierte er sich als Gemeinderat. Nicht zu vergessen sein Nebenjob als Gemeindenikolaus für Weilerstoffel.

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