Der eigentlich unbezahlbare Luxus

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Freibad und Hallenbad leisten sich die wenigsten Gemeinden von der Größe Waldstettens, die Waldstetter haben die aus dem Vorhandenen entstandene „Erwartungshaltung“, beides zu haben, sagt Bürgermeister Michael Rembold.
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Beim Betrieb von Schwimmbädern zahlen Gemeinden in der Regel drauf. Warum sich Waldstetten trotzdem sowohl ein Freibad als auch ein Hallenbad leistet.

Waldstetten

Bäder kosten mehr, als sie einbringen, das geht den Kommunen landauf landab so. In Waldstetten ist das nicht anders, trotzdem gibt's hier sogar ein Hallenbad und ein Freibad. „Sehr außergewöhnlich für eine Gemeinde dieser Größe“, sagt Bürgermeister Michael Rembold. Kommunen mit gut 7000 Einwohnern wie Waldstetten hätten üblicherweise, wenn überhaupt, entweder das eine oder das andere.

Die Waldstetter hingegen, die diese „sehr gehobene Ausstattung“ seit Jahrzehnten vor der Nase haben, „würden sagen: Das ist unsere Erwartungshaltung“, mutmaßt der Bürgermeister. Dass die erfüllt werden kann, lässt sich die Gemeinde eine ganze Stange Geld kosten. Einen unerwartet großen Batzen Geld hat die jüngste Sanierung des Hallenbads 2015 verschlungen: Statt 150 000 Euro musste die Gemeinde das Dreifache, 450 000 Euro, hinblättern. Beim Ansinnen das Becken sowie die Fliesen im Becken- und im Duschbereich zu sanieren, kam Schlimmes zutage: poröse Leitungen, sogar in der Decke, dazu der Wunsch, das 1970 bis '71 erbaute Bad behindertengerecht umzubauen. Um es positiv auszudrücken: „Für die nächsten 30 Jahre ist es saniert“, sagt Rembold.

Das klassische Familienbad

Das Freibad war gerade generalsaniert, als Rembold 2001 seinen Bürgermeisterposten antrat. Seither wurde das 1939 erbaute Bad um ein Beachvolleyballfeld erweitert, bekam eine Photovoltaikanlage aufs Dach. Wo jetzt Nachholbedarf besteht: „Wir brauchen ein neues Kinderplanschbecken.“ Die Planung sei bereits beauftragt, doch wegen der Pandemie wird das Vorhaben nun geschoben. „Das können wir uns gerade nicht leisten“, sagt Rembold, denn so ein Planschbecken „geht in den Millionenbereich“. Ein Spaßbad, ein Titel, mit dem manche Kommune für ihr Bad wirbt, ist es damit trotzdem nicht. Muss es auch nicht. „Wir sind in Waldstetten ein klassisches Familienbad“, sagt Rembold. Übersichtlich und ausgestattet „mit einem hervorragenden Kiosk“.

Zehn gute Tage braucht's

Wobei, merkt Rembold an, ein Freibad wohl nicht mehr den hohen Stellenwert wie in früheren Jahren genieße. Viele Haushalte verfügten mittlerweile über eigene Pools. Und es brauche erstmal „zehn gute Tage, damit die Leute Lust bekommen“. Auch durch gesellschaftliche Veränderungen - voll berufstätige Mütter, Ganztagsangebote in Kindergärten - habe der Besucherandrang nachgelassen. In einer guten Saison vor 20 Jahren seien über den Sommer rund 50 000 Besucher gekommen, heute seien es noch rund 35 000.

Das Hallenbad besuchen jährlich rund 40 000 Badegäste, davon 7000 im öffentlichen Betrieb, 33 000 im Schulschwimmen. 1000 Schüler kommen allein von den Waldstetter Schulen, dazu jene aus Wißgoldingen und Rechberg, außerdem Kindergärten und Vereine, zählt Rembold auf. Lediglich über die Sommerferien und an Weihnachten sei das Hallenbad geschlossen, zum Leidwesen vieler Senioren und Dauerschwimmer, weiß der Bürgermeister. Auch in der Pandemie mussten die Waldstetter auf das Hallenbad verzichten - wohl noch bis September oder Anfang Oktober, weil derzeit das Freibad, ebenfalls pandemiebedingt, erhöhten Personalaufwands bedarf. Dabei ist der Badefachkräftemangel nicht nur in diesen besonderen Zeiten ein Thema. Wer diesen Job im Freibad ausübt, muss in der Saison so viele Überstunden ansammeln, damit es über den Winter reicht, sagt Rembold. Die Gemeinde sei derzeit gut aufgestellt mit der neuen Freibadchefin Sandra Dick und Joana Aktas, die fürs Hallenbad zuständig ist. Dazu kommen geringfügig Beschäftigte, etwa an der Kasse und für die Grünanlagenpflege sowie Rettungsschwimmer.

Der Abmangel, das sind die Kosten, die an der Gemeinde hängenbleiben, beträgt fürs Hallenbad durchschnittlich 120 000 Euro, fürs Freibad 175 000 Euro pro Jahr. „Das ist eine ganze Stange Geld“, sagt Rembold. Und warum tut sich eine Gemeinde das an? „Man muss gewissen Schwerpunkte setzen“, sagt der Bürgermeister, in Waldstetten gehören dazu neben Schulen und Kindergärten die Feuerwehr und die Bäder. Dafür hätte Waldstetten eben kein Geld für eine Gartenschau, „ich kann mir nicht alles leisten“. Dies würden vermutlich die meisten Badefans sagen, würde die Gemeinde die Eintrittspreise so gestalten, dass die Kosten gedeckt wären. Um die 20 Euro - statt aktuell höchstens 3,60 Euro - wäre dann der Preis pro Ticket für eine Besuchsschicht, rechnet Rembold. Oder schlicht: „unbezahlbar“.

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