Die Schicksale hinter dem Kunstwerk

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Die Waldstetter Kunsthistorikerin Sabine Lang widmet sich der Provenienzforschung und untersucht dafür an einzelnen Werken, ob es sich um NS-Raubkunst handelt.
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Sabine Lang aus Waldstetten geht der Geschichte von Kunstwerken nach. Stellt sie fest, dass es sich dabei um NS-Raubkunst handelt, fangen die Schwierigkeiten in der Regel erst richtig an.

Waldstetten

Sabine Lang hat dasselbe studiert wie einst Kate Middleton und der englische Kronprinz William, die sich an der Uni ineinander verliebt haben. Und sie beschäftigt sich mit NS-Raubkunst. Mit dem Berufsziel Kronprinzessin hat ihr Job aber ebensowenig zu tun wie mit Abenteuern, wie sie Filmheld Indiana Jones erlebt, versichert sie lachend. „Man muss den Beruf lieben, denn reich wird man sicher nicht.“ Auch die Vorstellung, sie arbeite wie eine Detektivin, ist „komplett falsch“, sagt Lang, „unser Job stützt sich auf Fakten“.

Die 33-jährige Kunsthistorikerin aus Waldstetten hat nach ihrer Doktorarbeit in einem Auktionshaus gearbeitet und dabei die praktische Arbeit der Provenienzforscher erlebt und sich diesem beruflichen Schwerpunkt in der Coronapandemie als Freiberuflerin gewidmet. Es geht dabei um die Herkunft von Kunstwerken. „Ich beschäftige mich mit NS-Raubkunst“, vor allem der Jahre 1933 bis 1945, sagt Lang. Die 1920er-, 30er- und 40er-Jahre haben sie als Geschichtsfan schon immer sehr interessiert, über ihre Arbeit in einem Auktionshaus kam sie zur Provenienzforschung. Jetzt wird sie von Galerien, Museen oder Privatleuten beauftragt, die Herkunft von Kunstwerken zweifelsfrei nachzuweisen, denn was sich als Raubkunst entpuppt, darf nicht einfach veräußert werden. Doch bis das klar ist, hat Sabine Lang einiges zu tun.

Selten ist es einfach

Raubkunst kann vieles sein. Bilder, Schmuck, Vasen, Umzugsgüter von Emigranten, die bei der Ausreise aus Nazi-Deutschland gestoppt wurden. Zunächst erhält Sabine Lang eine Aufnahme von Vorder- und Rückseite des Kunstwerks. Dort finden sich erste wichtige Hinweise auf die Herkunft: etwa der Stempel einer Sammlung oder Galerie. Dann prüft sie in einer Datenbank wie etwa Lost Art, wo jeder Suchmeldungen nach verlorenen Kunstwerken einstellen kann, ob ihr Kunstwerk dort aufgeführt ist. „In den seltensten Fällen ist es so einfach.“ Also geht die Suche nach Ursprung und Stationen des Kunstwerks weiter, rekapituliert etwa frühere Besitzer und Versteigerungen, bei denen das Werk aufgetaucht ist. „In die Tiefe zu gehen, das kann Monate dauern.“ Und das geht über sachliche Recherche weit hinaus.

„Das sind Schicksale, das lässt einen nicht mehr los.“ Etwa jenes, das einer jüdischen Familie aus Crailsheim im Zuge der Novemberpogrome 1939 widerfuhr. Ein Teil der Familie wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet, ein anderer musste in die USA auswandern, ihre Umzugsgüter wurden von den Nazis versteigert, hat Sabine Lang recherchiert.

Zweischneidiger Triumph

Hat sie Erfolg, ist das ein zweischneidiger Triumph. „Eigentlich möchte man kein solches Kunstwerk finden.“ Denn wenn Sabine Lang die entsprechenden Fakten liefert, muss ein Auktionshaus den Einlieferer damit konfrontieren, dass es bei dem, was er verkaufen möchte, um Raubkunst geht. Dann kommen in der Regel Rechtsanwälte ins Spiel, es werden die rechtmäßigen Erben verständigt und dann wird versucht, eine Einigung zu erzielen. Die kann so aussehen, dass die rechtmäßigen Besitzer das Kunstwerk zurückbekommen, der bei der Auktion erzielte Gewinn geteilt wird oder ein Museum das Werk als Dauerleihgabe erhält, zählt Sabine Lang auf. Zwischen einigen tausend und hunderttausenden Euro wert waren Kunstwerke, um deren Herkunft sich Sabine Lang bislang bemüht hat.

Kommt die Kunsthistorikerin in ihrer Arbeit vom Waldstetter Homeoffice aus nicht weiter, bittet sie Kollegen vor Ort, besondere Details des Kunstwerks anzuschauen oder zu fühlen. Der direkte Kontakt zu Kollegen und zur Kunst fehle ihr, sagt Sabine Lang. Auf lange Sicht sieht sie darum ihre berufliche Zukunft eher in einer größeren Stadt mit Museen oder Auktionshaus. Kunstwerke „anfassen und direkt betrachten, ist schon wichtig“, stellt sie fest, „und ein Privileg“.

In die Tiefe

Sabine Lang,, Kunsthistorikerin

Der Weg zur Provenienzforschung

Nach dem Abitur am beruflichen Gymnasium in Gmünd hat Sabine Lang in Tübingen und im britischen Bristol Kunstgeschichte studiert und promoviert. Nach dreieinhalb Jahren in der Forschung an der Uni Heidelberg hat Sabine Lang in ein Auktionshaus gewechselt und hier den Zugang zur Provenienzforschung gefunden.

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