Für alle, die in Ketten liegen

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Die vielen Besucher der Messe an der Reiterleskapelle trotzten dem eisigen Wind. Pfarrer Dr. Horst Walter verkürzte den Gottesdienst auf knapp eine halbe Stunde.

Wie Pfarrer Horst Walter mit der Leonhardimesse stürmischem und eisigem Wind bei der Reiterleskapelle trotzt.

Waldstetten

Bei herrlichem Herbstwetter in Waldstetten zog es am Freitagnachmittag weit mehr als hundert Menschen hoch zur Reiterleskapelle, wo die traditionelle Leonhardimesse stattfand. Kaum jemand hatte mit diesem Wetterumschwung gerechnet: Die Anhöhe zwischen Christental und Tannweiler war nicht nur nebelverhangen, hinzu kam ein eiskalter Wind, der den Gläubigen um die Ohren peitschte. Der Waldstetter Pfarrer Dr. Horst Walter reagierte spontan mit einer etwas verkürzten Messe, die nur knapp eine halbe Stunde dauerte. Und die Hostien verteilte er nicht auf der Wiese, wo die Feier stattfand, sondern nach der Messe von der windgeschützten Kapelle aus.

Bereits um 14.30 Uhr kamen die ersten Wanderer, um die Marienfigur zu besuchen, die aus Sicherheitsgründen nur zu bestimmten Anlässen in die Kapelle kommt, so am Patroziniumsfest des Heiligen Leonhard. Dem Heiligen, der im 6. Jahrhundert lebte, widmete Walter seine Predigt. Dank einer Biografie aus dem 11. Jahrhundert wisse man einiges über Leonhard von Noblat, einem Heiligen, der stets mit einer Kette dargestellt wird und als Schutzpatron der Gefangenen gilt. Bereits als junger Mann habe er regelmäßig Gefangene besucht und sich für ihre Freilassung beim König stark gemacht. Doch auch für Kranke und Hilfsbedürftige habe er gepredigt, fuhr der Priester fort. Auch hier passe die Kette gut, denn ein gutes Wort befreie die Beladenen, die ein schweres Päckchen zu tragen haben. Und weil Kranke ans Bett gefesselt sind, passe das Bild hier ebenfalls. Walter betete bei der Leonhardimesse 2020 besonders für die Coronakranken – "jeden Tag werden es mehr".

Wie's Wetter an Lenardi ist, bleibt's bis Weihnachten gewiss.

Bauernregel

Der Waldstetter Pfarrer ging auch auf die Klostergründung durch Leonhard ein: Weil er das Kind der Königin gerettet haben soll, bot ihr Mann ihm viel Besitz an. Doch der Heilige wollte nur so viel Fläche, wie er mit seinem Esel in einer Nacht umrunden konnte. Auf dem geschenkten Land gründete er das noch heute existierende Kloster Noblat.

Die guten Werke des Heiligen inspirierten auch die Fürbitten, bei denen an die Gefängnisinsassen gedacht wurde, aber auch an die Menschen, die nicht von Abhängigkeiten und schädlichen Verhaltensweisen loskommen. Und weil der Heilige Leonhard auch Schutzpatron der Bauern ist, galten die Fürbitten zu guter Letzt der ganzen Schöpfung mitsamt den Menschen und Tieren, der Natur sowie der Heimat. Passend hierzu gab Walter den Gläubigen zwei Bauernregeln für den Gedenktag des Heiligen Leonhard mit auf den Weg: "Wenn auf Leonhardi Regen fällt, ist's mit dem Weizen schlecht bestellt" und "Wie's Wetter an Lenardi ist, bleibt's bis Weihnachten gewiss." Bleibt die Hoffnung, dass sich die Sprüche am blauen Himmel über Waldstetten bewahrheiten und nicht am Sturm rund um die Reiterleskapelle. Gesegnet traten die Gläubigen den Rückweg an.

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