Modell zum „trotzdem Musizieren“

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Wenigstens online - so bleiben die Aktiven des MV Waldstetten bei der Stange.

Musikverein Waldstetten postuliert: „Hurra, wir leben noch!“ - eine musikalische Bestandsaufnahme

Waldstetten

Fast alltägliche Situation beim Musikverein Waldstetten: Freitag Abend und die Musikprobe startet. Hört sich einfach an, geriet aber zur musikalischen Gewaltaktion, die sehr viel Verständnis und vor allem Empathie erforderte. Die Corona Pandemie ist für die ganze Welt zum Schlagwort und zugleich zur medizinischen Heimsuchung geworden. „Was leider nur noch selten angesprochen wird: Corona ist vor allem eine kulturell-psychologische Geisel, denn sie verhindert Kultur, bringt diesen Betrieb teilweise ganz zum Erlahmen“, sagen die Waldstetter Musikmache. Denn das gemeinsame Proben ist untersagt. Schon seien jetzt, angesichts der allgemeinen Horror-Meldungen, die Diskussion um den „Aerosol-Ausstoß“ bei Choristen und vor allem Blasmusikern vergessen, als Corona in die ersten Monate ging.

Viele Laienmusikgruppen hatten durch das ständige Hin und Her in den Herbstmonaten des vergangenen Jahres schon die Handtücher geworfen. Alles sozusagen in die musikalische Asservatenkammer gesteckt und einfach auf unbestimmte Zeit verschoben.

Zunächst war dann nicht klar, was dies bedeutet – nämlich den heimlichen Kulturabbau. Chor und Orchesterleiter wurden in den unbezahlten Wartestand geschickt. Um diesen Teufelskreis zu brechen, hat sich der Musikverein Waldstetten dann doch nach vielen Diskussionen entschieden, eine virtuelle Probe aufzunehmen.

Die Geschichte mit der Latenz

Das A und O ist das Beherrschen der Latenz-Verzögerung. Wenn man am Computer miteinander probt, hat der Ton über die Computer oder Telefonleitung eine Zeit-Verzögerung. Diese verhindert oder erschwert das gemeinsame Musizieren. Dies gilt es nun geschickt in der Probe zu vermeiden. Dirigent Manfred Fischer arbeitet, statt am Taktstock, jetzt mehr mit digitalen Instrumenten wie dem Synthesizer oder E-Piano, um gemeinsame musikalische Übung anzuleiten. Die Spieler spielen am Tablet, Laptop oder PC mit – hören die digitalen Töne des Dirigenten, aber nicht das Mitspiel ihrer Orchesterkollegen. Eine ungewohnte Situation. Gemeinsame Tuttipassagen gehen nur per Einspielung über die digitale Audio Workstation, welche sozusagen ein kleines Tonstudio enthält, in welchem Manfred Fischer die Stücke vorher teilweise einspielt.

Wenn dann der Spieler zuhause seine Stimme live dazu spielt, entsteht sozusagen das Orchesterfeeling. Zudem wird die Möglichkeit genutzt, zu vielen schon im Internet aufgezeichneten Blasmusikwerken mitzuspielen.

Nachdem seit Januar die Proben wieder laufen, plant der Musikverein mit den neu aufgelegten Musikstücken auch wieder ein Livekonzert. Wann? Das entscheidet die jeweilige Corona-Situation. Doch die Beschäftigung und das heimische Üben mit dem Instrument haben mit dieser Aussicht einen deutlichen Aufschwung genommen. Es ist nicht abzusehen, welche Ideen dem Musikverein Waldstetten da noch kommen. Fast wächst hier ein „Tübinger Modell“ zum trotzdem Musizieren.

Denn letztendlich kann es nur um eines gehen: die Verbindung und die Identifikation mit dem Verein und Orchester muss wiederhergestellt und aufrecht erhalten werden. Schließlich gilt es auch eine Situation zu vermeiden, die einem Reset ähnlich ist, also einem Beginn bei Null.

Wie Corona das gesellschaftliche Leben stark beeinflusst hat, so kann es auch mehr als nur Kollateralschäden in der Laienkultur geben, wissen die Waldstetter und wollen das massiv verhindern. Darauf kommt es in Wirklichkeit an. Die Wertigkeit des künstlerischen Ausdrucks von digitalen Proben sind da nicht das letzte Maß der Dinge.

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