Nur eine Hülle fürs pralle Leben

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Rathaus Waldstetten
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Das alte Waldstetter Rathaus hat zwar seine Macken, aber die spielen nicht unbedingt die Hauptrolle in der Wahrnehmung von Bürgern und Mitarbeitern. Unterwegs an besonderen Schauplätzen.

Waldstetten

Von wegen leer. Im alten Waldstetter Rathaus ist trotz des Auszugs der Gemeindeverwaltung immer noch Leben, das Corona-Testzentrum von Stuifen-Apotheke und Rotem Kreuz ist ins Erdgeschoss eingezogen. Bloß, kalt ist es hier, denn ?die Heizung können wir nicht mehr hochfahren?, die sei ?zu kaputt?, sagt Bürgermeister Michael Rembold. Von der Feuerwehr aufgestellte Heizlüfter helfen aus.

Extra für einen Rundgang kommt der Bürgermeister aus dem Interimsrathaus in der Bettringer Straße und schließt sein früheres Refugium auf. Wehmut? Nicht so richtig. Schließlich war von einem Rathausneubau schon die Rede, als er sich vor 20 Jahren zum ersten Mal um den Bürgermeisterposten beworben hat. Und das mit gutem Grund.

Es zieht schon lange zu den Fenstern herein. Wenn im Winter mal wieder die Heizung ausfiel, habe er schon die Nachricht von den Mitarbeitern erhalten, ?jetzt sind's hier nur noch elf Grad?. Im Sommer dagegen können auch gerne mal 38 Grad herrschen, sagt der Bürgermeister. Für dessen Team es in den vergangenen Jahren auch zunehmend zu eng wurde in dem Gebäude. Dazu die veraltete Technik. Rembold blickt auf einen Stromanschluss: Der Elektriker habe nur noch den Kopf geschüttelt angesichts der zweiadrigen Kabel und der vielen Elektrik, die nachträglich über Putz verlegt werden musste. Und für die alten Neonröhren habe sich kaum noch Ersatz gefunden.

Bei allen Mängeln ist das alte Rathaus jedoch mit vielen Emotionen verknüpft. Das fängt im Foyer an, wo nun die Corona-Teststation aufgebaut ist. ?Ganz viel Leben? herrschte da, erinnert der Bürgermeister. Ein Bundesverdienstkreuz wurde hier verliehen und zahlreiche Ausstellungen wurden hier eröffnet. Zur Zeit muss Rembold Künstleranfragen zurückstellen, denn ?im Interimsrathaus haben wir nicht die großen Flure?.

Mit gezückter Bratpfanne

Auch überlieferte Anekdoten fallen Rembold an diesem Ort ein. Vor der Tür des Polizeipostens, wo es einst sehr ratsam war, erst anzuklopfen, weil sonst hinter der Tür ein gut ausgebildeter Polizeihund knurrend wartete. Oder vor dem Hauptamt, wo früher die Polizei untergebracht war, und einmal ein Besucher mit gezückter Bratpfanne auf einen Beamten losgehen wollte.

Rein temperaturmäßig wird's im ersten Stock nicht wärmer, schon allein deshalb, weil die Feuerwehr mittels einer Holzkonstruktion eine dicke Folie über den Aufgang gelegt hat, damit die Heizlüfterwärme nicht nach oben entflieht.

Hier ist Rembolds Refugium. In seinem Amtszimmer hat er ?halt am PC geschafft? und sich dabei zwar an so mancher Nachricht über einen bewilligten Zuschuss erfreut. Aber: ?Mein Wohnzimmer war der kleine Sitzungssaal.? Wo jetzt leere Tristesse und ein hellbrauner, abgenutzter Teppich das Bild beherrschen, hat er Trauungen geschlossen, teils mit 50, 60 Gästen. Hier hat er Zuschussbescheide entgegengenommen, etwa den fürs schnelle Internet. Und hier haben viele Bürger ihm ihr Herz ausgeschüttet - ?viel Leidvolles, aber auch viel Schönes?. Hier gab's Weihnachtsfeiern, und hier haben ihn die Wäschgölten beim Rathaussturm seiner Macht enthoben.

Nebenan steht noch eine Orchidee in voller Blüte auf dem Boden, letztes Überbleibsel des freundlichen Empfangsklimas im Vorzimmer des Bürgermeisters.

Immer schon habe ihm gut gefallen, dass das Rathaus ?eine sehr lebendige Anlaufstelle im Herzen der Gemeinde? war, und sei's nur, dass einer eine öffentliche Toilette brauchte. Nun sei es ruhiger geworden in der Ortsmitte. Auch, weil die Kinderbetreuung der Rentenretter ausgezogen ist, ebenso Pfadfinder und Wäschgölten, die gerade eine neue Unterkunft bauen.

Küche für den kurzen Dienstweg

Hinauf geht's ins oberer Stockwerk, vorbei an wenigen nicht mehr brauchbaren Möbeln und einigen Stücken, die noch abgeholt werden. Auch Bürger haben sich gemeldet und konnten etwa eine Markise mitnehmen.

Im großen Sitzungssaal, wo der Gemeinderat tagte, stehen noch Tische und Stühle und hängen noch die Flaggen in den baden-württembergischen und den Waldstetter Farben, vor denen so manches Gremiumsmitglied geehrt, begrüßt oder verabschiedet wurde. Einer von zwei Orten der Zusammenkünfte auf dieser Etage. Der andere ist die Küche, in der sich das Rathausteam jeden Dienstagmorgen getroffen hat. So klein ist sie, dass in letzter Zeit - vor Corona - nur alle Platz fanden, wenn der eine oder andere im Urlaub oder unterwegs war, erzählt Rembold. ?Hier hat man Dinge auf dem kurzen Dienstweg besprechen können?, sagt der Bürgermeister. Im Interimsrathaus ist zwar nun ?alles viel besser?. Aber letztendlich, sagt Rembold, zählt nicht die Hülle, sondern ?das Emotionale ist das Wichtige?.

Das Emotionale ist das Wichtige.?

Michael Rembold,, Bürgermeister
Letzter Rest Willkommenskultur im Bürgermeister-Vorzimmer.
Rundgang altes Waldstetter Rathaus
Bürgermeister Michael Rembold hatte es schon mal einfacher, zu seinem alten Amtszimmer zu gelangen, die Konstruktion aus Latten und Folie soll die Wärme im Testzentrum im Erdgeschoss halten.
Lieblingsraum: Im Amtszimmer gab's viele Emotionen.
Auf dem kurzen Dienstweg liefen Gespräche in der Küche.

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