Spuren der Vorfahren in der Erde

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Archäologen aus Tübingen finden Hinterlassenschaften des Neandertalers beim Schlatthof: v.li.) Simon Fröhle, Michael Rembold, Adolf Regen, Professor Harald Floss und Jens Frick.

Archäologenteam rund um Professor Dr. Harald Floss von der Universität Tübingen entdeckt Hinterlassenschaften des Neandertalers beim Schlatthof in Waldstetten.

Waldstetten

Der Nieselregen will an diesem Donnerstagmorgen gar nicht aufhören. Tiefe, graue Wolken hängen nur knapp über den Kaiserbergen. Unwirtlicher könnte das Wetter eigentlich nicht sein für das Team unterm Pavillon, das akribisch Bodenschichten auf einem Acker beim Schlatthof untersucht. Vorsichtig, mit Kellen und Pinseln wird die Erde weggeschoben. Immer griffbereit sind kleine durchsichtige Tüten. Sollte es ein besonderes Fundstück geben, wird es dort hineingebettet.

Und es gab tatsächlich bereits etwas Bemerkenswertes, das seit vergangene Woche Dienstag, als die Grabungen starteten, aus der Erde geborgen wurde. Nicht weniger und nicht mehr als den Beweis, dass einst der Neandertaler in diesem Gebiet lebte; der ausgestorbene Verwandte des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens). Bis vor 40 000 Jahren war er unter anderem in Europa zu finden. Und jetzt weiß man, dass er sich wohl auch auf der Waldstetter Anhöhe beim Schlatthof der Familie Weber wohlfühlte.

Seit mehreren Jahren läuft ein Großprojekt unter der Leitung von Professor Harald Floss. Es dient der Erforschung des Freilandpaläolithikums in Baden-Württemberg. Sprich, es wird nicht nur erfolgreich in Höhlen, etwa auf dem Rosenstein nach Leben in der Eiszeit gesucht, sondern ebenso nach Leben im offenen Freiland.

Aufmerksam wurde das Archäologenteam aus Tübingen auf den Acker beim Schlatthof durch den Amateurarchäologen Adolf Regen. Er fand Steinwerkzeuge des Neandertalers und die Venus aus der Eiszeit im Gewann "Schlattäcker". Wie wichtig die Arbeit der Amateurarchäologen ist, definiert Professor Floss anschaulich. "Blicken sie sich um", deutet er auf die große Fläche rund um den Fundort, wo es Felder und Wiesen gibt, so weit das Auge reicht. "Für uns wäre es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen."

Für uns wäre es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Prof. Harald Floss, Archäologe

An der Stelle, an der Adolf Degen fündig wurde, machte sich nun das Archäologenteam ans Werk. Und landete einen Volltreffer. Simon Fröhlich hält einen Stein in der Hand, der an einer Seite bearbeitet wurde, so, dass eine scharfe Kante entstand. "Das ist der Schaber eines Neandertalers", berichtet er. Wie auch Stefan Wettengl ist er gerade damit befasst, seine Doktorarbeit über die Eiszeit und ihre Bewohner zu schreiben. Wiederum Professor Floss zeigt sich zufrieden über die Grabung, das am Donnerstag beendet wurde. Neben vielen Teilstücken konnten insgesamt drei definitive Artefakte des Neandertalerlebens beim Schlatthof aus der Erde befördert werden. Das Alter der Relikte einer längst vergangenen Zeit datiert Professor Floss auf rund 50 000 Jahre. Insgesamt drei Schichten wurden abgetragen und genauestens untersucht.

Rund 2000 Stücke

Mehr Glück hatte Adolf Regen vor einiger Zeit, als er im selben Gebiet ein authentisches Eiszeitkunstwerk, eine Frauenfigur aus Quarzitgeröll fand. Umlaufende Gravuren beweisen, dass diese Kunst von Menschenhand erzeugt worden ist und aus dem Zeitalter Magdalénien stammt. Zudem konnte Degen rund 2000 andere Artefakte an die Profis der Altsteinzeitforschung übergeben. "Uns ist es eine Ehre, dass hier Archäologen aus Tübingen an der Arbeit sind", freut sich Bürgermeister Michael Rembold darüber, dass Waldstetten in den Fokus der Universität geriet. Für Stefan Wettengl und Simon Fröhle ist klar, dass sie sich in den nächsten Jahren intensiveren Forschungen in der Region widmen. Zeigt sich doch dank der Funde aus Waldstetten, dass die Steinzeitmenschen keineswegs Höhlenbewohner waren, sondern vornehmlich im offenen Freiland lebten.

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