Viel mehr als nur eine Quelle für Lesestoff

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Birgit Deckert-Rudolph an einem Lieblingsplatz in der Katholischen Öffentlichen Bücherei: bei den Bilderbüchern, wo schon die jüngsten Besucher schöne Erfahrungen mit Lesestoff machen.
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Die Katholische Öffentliche Bücherei in Waldstetten hat sich in 100 Jahren stets weiterentwickelt. Für Besuche gibt's keine Hemmschwellen und außer Büchern auch ein gutes Gespräch.

Waldstetten

Nur was sich wandelt, bleibt“, sagt Birgit Deckert-Rudolph. Auf die Katholische Öffentliche Bücherei (KÖB) in Waldstetten, die sie seit 20 Jahren leitet, trifft das voll zu: Seit 100 Jahren gibt es diese Anlaufstelle für alle, die gern lesen. 1922 haben 18 Waldstetter zusammen mit Pfarrer und Kaplan den örtlichen Hilfsverein vom Heiligen Karl Borromäus gegründet und so die Voraussetzung für eine Vereinsbücherei „für die kulturelle Bildung der katholischen Gemeindeangehörigen“ geschaffen. Die Mitgliedsbeiträge damals dienten dem Aufbau der katholischen Bücherei.

Heute ist die Nutzung der Bücherei kostenlos und trägt damit zur Chancengleichheit bei, erklärt Deckert-Rudolph. Finanziert wird die KÖB hauptsächlich von der Kirchengemeinde St. Laurentius, außerdem mit einem Zuschuss von der Diözese und einem von der Gemeinde Waldstetten, weil es die einzige öffentliche Bibliothek im Ort ist, zählt Deckert-Rudolph auf. Elf ehrenamtlichen Kräfte teilen sich die Arbeit in der Bücherei. Dazu Deckert-Rudolph - die gelernte Bibliothekarin und Religionslehrerin steckt in die Büchereileitung etwa gleich viel bezahlte wie ehrenamtlich geleistete Arbeitszeit. Rund 800 Ehrenamtsstunden haben sie alle 2021 zusammengebracht.

Das Publikum heute: „Hauptsächlich Familien mit Kindern“, sagt Deckert-Rudolph. Vor allem für die Grundschulkinder gebe es hier keine Hemmschwelle. Die Wege sind kurz. Und alle Waldstetter Kindergartenkinder können in der Vorschule einen Büchereiführerschein machen. „Die sind dann recht stolz, wenn sie ihre Büchereiausweise bekommen“,  erzählt die Bibliothekarin. Nicht zuletzt ist die KÖB „ein wichtiger dritter Ort“, wo Besucher gerne Infos austauschen. „Es kommen manchmal Leute, die mehr ein Gespräch suchen, als ein Buch“,  sagt Deckert-Rudolph. Außerdem habe eine kirchliche Bücherei eine pastorale Aufgabe,  die die KÖB in Waldstetten etwa mit einer Bücherausstellung zur Kommunion erfüllt. In der bürgerlichen Gemeinde ist die Bücherei durch Kooperationen mit Kindergärten und Schulen verankert, sie ist beim Waldstetter Herbst mit einem Bücherflohmarkt präsent. Und mit 4300 Medien - Bücher, Zeitschriften, CDs, DVDs und Tonies - an ihrem Standort am Kirchberg.

Für Deckert-Rudolph als Profi gehört die Leseförderung zu ihren primären Aufgaben. Dazu komme ihr „bibliothekarisches Handwerkszeug“, das beinhaltet unter anderem, Zielgruppen und den Literaturmarkt zu beobachten. Sie kennt die Ausleih-Trends: Bei den Kindern sind „Gregs Tagebuch“, „Warrior Cats“ und Freundschaftsgeschichten ganz vorne dabei. Bei den Besucherinnen 50 plus - „Männer haben wir hier nicht so viele“ - gehe es gern um Familiengeschichten, etwa Henning Ahrens‘ „Mitgift“, oder Lebensentwürfe - „da kann ein Buch auch Lebenshilfe geben“. Jüngere Frauen lesen gern Unterhaltendes oder Informatives zum Thema „Frau und Beruf“.

Das Repertoire der Bücherei ist stets im Wandel. Abgesehen davon, dass bei rund 8000 Medien, die pro Jahr über die Ausleihtheke gehen, einiges Verschlissenes aussortiert werden muss, muss auch der vorhandene Platz in Einklang kommen mit dem Bedürfnis, stets neue Literaturtrends anzubieten, sagt Deckert-Rudolph.

Keine „Fifty Shades of Grey“

Was 1922 angefangen hatte mit Erbauungsliteratur, Bekehrungs- und Heiligengeschichten und der Verbreitung des katholischen Glaubens dienen sollte, öffnete sich schnell auch unterhaltender Literatur. Als die Nationalsozialisten im Dritten Reich die Bücherei enteigneten, haben sie sich unter anderem die Nibelungensage, Bücher von Edgar Allan Poe oder Karl May für ihre Volksbücherei „unter den Nagel gerissen“, zählt Deckert-Rudolph auf. In die Katholische Bücherei sollten fortan nur noch die Mitglieder des Borromäus-Vereins dürfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Katholische Bücherei ihre Bücher wieder übernehmen. Heute gilt für das Angebot: „Am Puls der Zeit soll es sein", dabei nicht zu trivial. „Wir habe bestimmte Wertegrenzen, sagt Deckert-Rudolph, „Fifty Shades of Grey“ etwa wird sich in der KÖB nicht finden. Grundsätzlich werde Unterhaltungsliteratur schneller ausgetauscht, Klassiker wie „Harry Potter“ dagegen werden immer wieder ersetzt. Und es besteht ein gewisser Anspruch. Die Gewinner des Deutschen Buchpreises müssen verfügbar sein, auch wenn sie nicht unbedingt der Renner bei den Lesenden sind, sagt Deckert-Rudolph.

Ob's die KÖB in 100 Jahren noch gibt?  Das werde davon abhängen, ob Menschen in der Kirche dieses Angebot weiterhin wichtig finden. Außerdem davon, ob sich auch in Zukunft genügend Leute dafür engagieren wollen, sagt Deckert-Rudolph. Und wahrscheinlich werde sich die Form des Angebots ändern. Nur was sich wandelt, bleibt.

Am Puls der Zeit soll es sein.“

Birgit Deckert-Rudolph,, Bücherei-Leiterin

Jubiläum - Ausleihe - Ehrenamt

Das Jubiläum 100 Jahre Katholische Öffentliche Bücherei Waldstetten ist am 17. Juni. Einen Vortrag zur Geschichte der Institution mit Erfahrungen von Mitarbeitenden gibt's am Sonntag, 19. Juni, im Begegnungshaus. Danach geht#s zum Stehempfang und zur Ausstellung 100 Jahre - 100 Bücher“ in die Bücherei.
Die Bücherei ist montags und mittwochs von 16 bis 18 Uhr geöffnet.
Neue ehrenamtliche Helfende sind stets willkommen, Info unter (07171) 495815, per E-Mail an: KoeB-Waldstetten@online.de

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