Wenn die Suche nach Kunstwerken zum Krimi gerät

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Dr. Sabine Lang
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Dr. Sabine Lang berichtet über ihre spannende Arbeit als Provenienzforscherin.

Waldstetten. Zwischen 1933 und 1945 wurden rund 600 000 Kunstwerke und -gegenstände vom NS-Regime aus dem Besitz von zumeist Juden geraubt. Die Dunkelziffer liege sicher beim „millionenfachen Raub“, erklärte die Waldstetter Provenienzforscherin Dr. Sabine Lang in ihrem Vortrag.

Viele der geraubten Kunstgegenstände sind noch immer nicht den rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben worden. Analyse, Herkunft und Besitzverhältnisse zu klären, ist die Aufgabe der Provenienzforschenden, erläuterte Lang. Um eine lückenlose „Objektbiographie“ erstellen zu können, fragen Forschende: Unter welchen Bedingungen fand der Besitzwechsel statt? Der Kunstraub während des NS-Regimes wurde „organisiert durchgeführt“ und teilweise „akribisch dokumentiert“. Diese Listen seien heute für die Forschung von unglaublichem Wert. Unter dem Vorwand, die Geschichte des Judentums zu erforschen, wurden ganze Kunstsammlungen gestohlen, die Rothschild-Sammlung etwa wurde im Schloss Neuschwanstein in einem Depot gelagert.

NS-Größen wie Adolf Hitler und Hermann Göring zählten zu den Nutznießern der Raube. Die Hitler direkt unterstellte Organisation „Sonderauftrag Linz“ etwa sollte Kunstwerke für ein „Führermuseum“ organisieren. Zahlreiche Gesetze zum Nachteil der Juden ermöglichten es dem NS-Regime, auf den Besitz von Juden zuzugreifen.

Kampf um die goldene Adele

Den Zuhörern des Vortrags in Zusammenarbeit von Gmünder VHS und Gemeinde Waldstetten versprach VHS-Leiterin Ingrid Hofmann eine besondere „Kriminalgeschichte“, die Kunsthistorikerin Lang am Ehepaar Bloch-Bauer aufzeigte. Adele Bloch-Bauer ließ sich als 26-jährige vom Künstler Gustav Klimt porträtieren, die „goldene Adele“ war eines von vielen Kunstwerken einer großen Sammlung von Ferdinand Bloch-Bauer. Ein Strafverfahren 1938 wegen angeblicher Steuerhinterziehung und eine extrem hohe Geldstrafe gaben dem Regime die Möglichkeit, Bloch-Bauers Vermögen zu konfiszieren. Rechtsanwalt Erich Führer begann mit dem Abverkauf der Kunstgegenstände. Das Werk „Adele Bloch-Bauer 1“ fand keinen Abnehmer und wurde ins Wiener Belvedere-Museum getauscht. Kurz vor seinem Tod verfügte Bloch-Bauer, dass all seine Kunstschätze seinen Nichten und Neffen zufallen sollen. Die Rückgabeforderung der Erben nach 1945 wurden vom Staat Österreich abgelehnt. Erst die „moralische Verpflichtung“, die Washingtoner Prinzipien von 1988, ermöglichten in Österreich ein Kunstrückgabegesetz, das die Erbin Maria Altmann ermutigte, die Klimt-Bilder zu fordern. Es folgte ein langer Rechtsstreit, der 2006 mit der Rückgabe der Bilder endete. Unbestätigt sei der Verkaufspreis der „Adele Bloch-Bauer 1“ von 135 Millionen Euro.

Nach 1945 richteten die Amerikaner „Collecting Points“ ein, wo gestohlene Werke gesammelt und gelistet wurden. Für die Provenienzforschenden spielen diese Listen heute noch eine zentrale Rolle in der Nachverfolgung und Zuordnung von Kunstgegenständen. Andrea Rohrbach

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