Wenn Geschichte umziehen muss

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In den Tiefen des Waldstetter Gemeindearchivs stehen Archivar Friedrich Kopper (r.) und Bürgermeister Michael Rembold vor einer Vielzahl an Unterlagen. Wichtiges wird digitalisiert oder kommt mit ins Interimsrathaus, Überflüssiges wird vor dem Umzug geschreddert.

Der einstige Hauptamtsleiter Friedrich Kopper wühlt sich durchs Gemeindearchiv von Waldstetten. Nur sinnvolle Unterlagen ziehen mit ins neue Rathaus.

Waldstetten

Der Umzug der Waldstetter Verwaltung ins Interimsrathaus steht für Juli auf dem Programm. Dem früheren Hauptamtsleiter Friedrich Kopper kommt dabei eine umfangreiche Aufgabe zu. Er kümmert sich seit Herbst 2019 um das Gemeindearchiv im Keller des Rathauses. Einmal in der Woche verschwindet er zwischen Kilometern von Aktenordnern, sichtet Unterlagen und hat dabei immer die eine Frage im Kopf: schreddern oder digitalisieren? Was muss aufgehoben werden, was ist es wert, aufgehoben zu werden, und was kann weg?

Kopper ist genau der richtige dafür. Gut 40 Jahre arbeitete er in der Gemeindeverwaltung, darum kennt er zahllose Vorgänge und Personen. Er kennt Aufbewahrungsfristen und Datenschutzrichtlinien und kennt die Geschichte der Gemeinde. Ein Glücksfall: „Er ist der Experte“, freut sich Bürgermeister Michael Rembold.

„Ich bin zum Kellerkind geworden“, witzelt Kopper, während er den Staub von einem alten Buch wischt. Es stammt von 1760 und handelt vom herzoglich-württembergischen Landrecht. „Hier ist so vieles wertvoll“, schwärmt er. Man findet ihn übrigens nicht nur im Keller. Auch in der Registratur ist er unterwegs. Scannt etwa die Unterlagen, die von der einstigen Eingemeindung von Wißgoldingen anno 1972 künden. Die Akten können dann mittels Mausklick auf dem Computerbildschirm gelesen werden. Die Digitalisierung läuft gerade.

Was beispielsweise im Schredder landet? Etwa 20 Jahre alte Wahlzettel von der Kommunalwahl. Diverse Erlasse vom Regierungspräsidium aus den 1960er-Jahren, oder vom Landratsamt. Es gibt auf jeden Fall viel zu tun auf den 150 Quadratmetern im Keller und in der aktuellen Registratur.

Segelschiff und Schallplatten

Gewellte Blätter und aufgequollene Ordner im Keller zeugen von den Hochwassern der Jahre 1987 und 2016. Damals drang Wasser durch die Lichtschächte in den Rathauskeller. Die untersten Regalreihen wurden unter Wasser gesetzt, die Unterlagen darin mussten getrocknet werden.

Kurioses findet sich natürlich auch im Kellerarchiv. Etwa diverse Geschenke an die Gemeinde. Da steht ein großes hölzernes Modell-Segelschiff ebenso wie einige Schallplatten mit dem Titel „Waldstetten wie es singt und klingt“ aus den frühen 80er-Jahren.

Natürlich kommen im einstigen Hauptamtsleiter auch Erinnerungen hoch, wenn er die Akten durchforstet, er hat dann das passende Gesicht vor Augen. Mehr wird nicht verraten wegen des Datenschutzes. „Aber ich muss auch immer wieder schmunzeln“, gibt er zu. Und blättert dabei durch Standesamtsbücher, die 1891 beginnen, schaut sich Eheregister an, ebenso Geburts- oder Familienregister. Es ist ein ganz besonderer Spaziergang in die Geschichte von Waldstetten und Wißgoldingen für den passionierten Hobby-Historiker.

X für Schreddern

„Und es ist noch ein langer Weg“, blickt er auf die prall gefüllten Regale. Doch mancher Ordner hat bereits ein großes X auf dem Rücken. X steht für Schreddern. So wird im Juli nur das ins Interimsrathaus umziehen, was wirklich benötigt wird. Wichtiges ist dann bereits digitalisiert. Wertvolles geht nicht verloren. Dafür ist Kopper mit seinem großen Wissen Garant. Zumal er sich auch aufs Lesen von Sütterlin- und Kurrentschrift versteht. Und er weiß, wen er anrufen kann, wenn er etwas partout nicht lesen kann: den Alt-Bürgermeister von Lauchheim, Werner Kowarc. „Er hat mir bereits viele wertvolle Tipps gegeben“, sagt Kopper. Denn alles, was des Archivierens wert ist, soll bleiben.

Ich bin zum Kellerkind

Friedrich Kopper,, Gemeindearchivar

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