Interview

„Schlupflöcher schließen“

Der Kriminalist Bernd Finger hat als früherer Chefermittler im Berliner Landeskriminalamt jahrzehntelang Mafiosi verfolgt. Mit ihm sprach Stefan Kegel.

Herr Finger, der Schlag gegen die kalabrische Mafia zeigt, wie verzweigt das Netz der ‘Ndrangheta in Europa ist. Für wie gefährlich halten Sie Mafia-Organisationen wie diese?

Bernd Finger: Für sehr gefährlich. Denn die Mafia dringt unbemerkt in die Wirtschaft und die Gesellschaft ein. Es ist höchste Eisenbahn, dass die europäischen Polizeibehörden und Europol sie gemeinsam in mehreren Ländern verfolgen. Wir hatten schon in den 2000er Jahren Großverfahren, aber Kriminalität kann man nicht nur mit Einzelmaßnahmen bekämpfen. Es bedarf einer durchgreifenden, überregionalen Strategie. Die muss auf europäischem Recht basieren und darf den Kriminellen keine Schlupflöcher mehr eröffnen.

Das heißt, es gibt immer noch Ecken in Europa, in denen sich Mafiosi sicher fühlen können?

In osteuropäischen EU-Ländern und in den Balkanstaaten zum Beispiel gibt es erhebliche Rückstände. Kriminelle Organisationen beobachten sehr genau, in welchem Land sie ihr kriminell erworbenes Geld anlegen und die legale Wirtschaft infiltrieren. Bevor sie Geld investieren oder Schwarzgeld waschen, machen sie eine regelrechte Risikoberechnung. Sie schauen, wie streng ihre Geschäfte in dem entsprechenden Land verfolgt werden, wie hoch die Kontrolldichte ist und ob es in der nationalen Gesetzgebung Steuerschlupflöcher gibt. Auch die Arbeit der Polizei und die Härte der Richtersprüche wird analysiert.

Und wie kann man dem begegnen?

Der entscheidende Schlüssel ist eine einheitliche Gesetzesgrundlage in ganz Europa, damit Polizei, Staatsanwälte und Gerichte abgestimmt handeln können. Die hat das EU-Parlament zwar vorgegeben, aber die Umsetzung in den Mitgliedstaaten ist sehr unterschiedlich. Besonders auf dem Balkan gibt es ein hohes Maß an Korruption, auch in der Politik bis hinein in die Parlamente. Die Schutzreflexe, die die EU aufbauen will, greifen deswegen dort kaum, weil die Protagonisten zum Teil selbst in die Gesetzgebung eingebunden sind.

Tut Deutschland genug dafür, dieses europäische Recht umzusetzen?

In Deutschland gibt es erst seit Mitte vergangenen Jahres ein strengeres Gesetz zur Vermögensabschöpfung. Das ist schon ein erster Schritt. Aber es gibt immer noch Lücken, und die werden von der Mafia genutzt.
© Südwest Presse 06.12.2018 07:45
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