Die Bucht der Strandpiraten

Dänemark In Nordjütland trieben einst Strandpiraten ihr Unwesen. Heute tummeln sich Wanderer und Surfer in der windzerzausten Landschaft.
  • Foto: Bettine Bernhard

Sommerwarm ist es nicht gerade bei 16 Grad, aber angenehm in der Sonne und erfrischend, wenn wieder eine spektakuläre Wolkenformation den Himmel verdunkelt und die Windmaschine noch einen Zahn zulegt. Der schmale Pfad führt durch eine grüne Märchenwelt mit seltsam verwachsenen Bäumen, moosüberzogenen Wurzeln und großen Farnen, die an der Wanderer Waden kitzeln. Die elf Kilometer lange Fosdalen-Tour ist einer von vier Premium-Wanderwegen in Dänemark, zertifiziert vom Deutschen Wanderinstitut und gedacht für wanderlustige (deutsche) Gäste, die mehr als die hier üblichen vier, fünf Kilometer wandern möchten.

Irgendwo plätschert Wasser. Die kleine Schlucht öffnet sich und macht den Weg frei entlang goldgelber Getreidefelder mit kornblumenblauen Einsprengseln. Draußen auf der von weißen Schaumkrönchen gespickten Nordsee ziehen große Tanker vorbei. An der Küste der Jammerbucht, die sich über rund 100 Kilometer von Hirtshals bis zum Bulbjerg zieht, rollt Welle um Welle an den Sandstrand. Was es in der Jammerbucht zu jammern gab, weiß Wanderführerin Lise Holt. „Früher ritten Einheimische mit ihren Pferden und einer Laterne in der Dämmerung langsam auf dem Küstenweg hin und her. Vorbeifahrende Schiffe kamen deshalb so nahe an die Küste, dass sie auf den tückischen Sandbänken aufliefen und von den Strandpiraten prima ausgeraubt werden konnten“, erzählt sie und betont, dass das schon viele Jahrhunderte her ist.

Den Ort das ganze Jahr beleben

Am Strand von Løkken hört man aus der Brandung fröhliches Jauchzen. Es stammt von neoprenverpackten Surfern, die mal elegant eine Welle reiten, mal kopfüber darin verschwinden und prustend wieder auftauchen. „Hier ist der absolut beste Platz für Surfer und solche, die es lernen wollen“, versichert Kaspar Makay. Er betreibt mit seinem Bruder Jonas im hübschen Strandstädtchen ein Haus mit Café und Surfshop. Seine Schützlinge können in einem Kanal an der Pier problemlos hinauspaddeln, bevor sie sich aufs Brett schwingen und versuchen, oben zu bleiben. Makay hat am Strand Umkleiden und Saunen gebaut, damit sich die Surfer aufwärmen können, wenn sie im Frühjahr, Herbst oder gar Winter aus dem Wasser kommen. „Wasser, Wind und Welle sind zuverlässig da und wir möchten, dass der Ort das ganze Jahr über lebt– und seine 1 500 Bewohner ernährt“, sagt er. In der Saison beherbergt der Ort 50 000 Menschen, die sämtliche Hotels und Ferienwohnungen füllen.

Auch Mariam Touray versucht sich in der Ganzjahresbelebung des Ortes, mit ihrer Bonbonniere, wo man den Bonbonmachern bei der (Hand-)Arbeit zuguckt und die Chefin zur Verkostung ein Ständchen gibt.

45 Tage in Abgeschiedneheit

Hier ist der absolut beste Platz für Surfer und solche, die es lernen wollen.

Kaspar Makay Surfshopbesitzer

Zu den Begegnungen der besonderen Art zählt die mit Jon Lindberg, der in den Kettrup-Bergen (der höchste misst stolze 43 Meter) Wandertouren, Survival-Kurse und Abenteuer für Kinder anbietet. Er gewann 2017 bei der dänischen Fassung der US-Serie „Allein in der Wildnis“, indem er 45 Tage bei bis zu minus 20 Grad in den norwegischen Bergen ausharrte und damit alle neun Mitstreiter überbot. „Ich dachte, ich muss mit Bären kämpfen und Insekten essen“, erzählt er. Doch was den 38-jährigen Familienvater wirklich an seine Grenzen brachte, waren weder Hunger noch Kälte noch Gefahren. Es war die völlige Abgeschiedenheit. Filmen musste er seine Abenteuer selbst und die Chipkarten bei den wöchentlichen ärztlichen Kontrollen abgeben. „Niemand gibt dir Rückmeldung, freut oder ärgert sich mit dir. Die Frage nach dem Sinn deiner Existenz stellt sich sehr schnell und laut“, schildert Jon. Als er zurückkam, war er 14 Kilo leichter und um die Erkenntnis reicher, dass Sinn wichtiger als Geld ist. Er hängte seinen Job als Mechaniker an den Nagel und baut seither mit viel Enthusiasmus an einem Wildnis-Center, das Menschen die Natur nahebringt.

Nimm, wenn es da ist

Bei einer Wanderung durch lichten Laubwald mit Moosteppich lernt man nebenbei die wichtigste Regel fürs Überleben in der Wildnis: „Nimm, wenn es da ist.“ Sprach Jon und füllte die Taschen mit Birkenrinde und harzigem Reisig. Beides erweist sich kurz darauf als nützlich zum Grillfeuermachen ohne Streichhölzer.

Zurück in der Zivilisation wartet Lando Henlov, der zur Strandsafari im Landrover lädt. Aus dieser Perspektive sieht man die Betonbunker, mit denen die Deutschen einen alliierten Angriff an der Westküste verhindern wollten. Auf mehrere Tausend schätzt man ihre Zahl, viele sind schon im Meer oder im Sand versunken. Zwischen Løkken und dem Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr sind sie gerade in der Absturzphase: weil das Meer jährlich mehrere Meter Küste verschlingt, sind manche schon im Meer verschwunden, andere auf den Strand gefallen, wo sie Kindern einen Abenteuerspielplatz und Graffitikünstlern eine Fläche bieten. Die dritte Sorte hängt auf halbmast zwischen Kante und – bis zu 30 Meter tiefer gelegenem – Strand. Während einen als Deutscher Unbehagen befällt ob dieser hässlichen Kriegshinterlassenschaften mitten in schönster Natur, gehen die Dänen damit locker um. „Die Bunker gehören zu unserer Geschichte“, sagt Henlov. Und das örtliche Touristenbüro wirbt für „besucherfreundliche Landschaften mit Bunkern“.

Nicht wirklich freundlich begrüßt der Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr seine Gäste. Direkt vor ihm marschiert gerade eine riesige Wanderdüne vorbei und pustet nadelfeinen Sand in alle Körperöffnungen. Doch das ist bald Geschichte, denn der Leuchtturm wird umgesetzt – bevor die nahe Küstenlinie abbricht und der 115 Jahre alte Bau ins Meer stürzt.

© Gmünder Tagespost 06.09.2019 14:58
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