Es grünt so grün am Höchsten

Bodenseekreis Wandern und Kräutergenuss an der höchsten Erhebung Oberschwabens. Die grünen Schätze der Natur sind hier die Leidenschaft von Moni Müller. Sie gibt informative Führungen.

Moni Müller hat aufgetischt: Quark mit Berberitzen und Melisse, Olivenpaste mit Thymian und Rosmarin, frisches Obst mit Pfefferminzblättern. Die kleinen Köstlichkeiten sind am Treffpunkt im Aussichtspavillon auf dem Berg Höchsten aufgebaut. Zur gesunden Stärkung gibt es also noch das Panorama obendrauf. Als Silhouette in das Aluminiumblech der Infotafel geritzt und beschriftet, ist die Bergkulisse im Hintergrund des Bodensees von hier aus leicht ausmachbar. Die Schweizer Alpen prunken mit Säntis und Pilatus, bei sehr klarem Wetter reicht der Blick sogar bis zu Viertausendern wie Eiger und Mönch.

Jetzt aber los zum Kräutererlebnis. Es geht gemächlich voran, denn alle paar Meter sprießt etwas am Wegrand, zu dem es etwas zu erzählen gibt. Im Minutentakt lernt die Gruppe, welch gesundes Grünzeug in den Salat, in die Suppe oder in einen heilkräftigen Tee gegen Erkältungen gehört. Erste Hilfe aus der Natur? Auch das ist möglich: Wegerich, am besten zerdrückt oder fein zerkaut auf Insektenstiche gerieben, sei eine zuverlässige Soforthilfe gegen Jucken, Brennen und Schwellungen. Giersch und Gundermann sind ebenso urgesund wie zarte, junge Brennnesseln. Moni Müller pflückt Schafgarbe, deren Blätter auch „Augenbrauen der Venus“ genannt werden. Legt man sie sich nachts auf die Augen, sollen süße Träume garantiert sein. Bald sind die Streuobstwiesen unterhalb des Höchsten erreicht, wo eine Liegebank sich als Rast für Wanderer anbietet.

Sieben Stunden reine Gehzeit

Müde laufen kann man sich auf der Bergtour Höchsten, die als „anspruchsvolle Tageswanderung“ beschrieben ist. 16,5 Kilometer mit mehr als 500 Höhenmetern müssen unter die Füße genommen werden. Sechs bis sieben Stunden reine Gehzeit sollten dafür kalkuliert werden. Die Bergtour Höchsten ist aber nur einer von drei zertifizierten Rundwanderwegen, die als Bodensee-Landgänge ausgewiesen sind. Alle drei Touren haben das Premiumweg-Wandersiegel des Deutschen Wanderinstitutes und sind wegen ihrer hervorragenden Beschilderung als „unverlaufbar“ eingestuft. Am leichtesten ist die Bermatinger Waldwiesen-Tour mit gut neun Kilometer Länge und nur 243 Höhenmetern. Mittelschwer ist die Route „Guck ins Land“ mit knapp 15 Kilometern ab Markdorf eingestuft. Alle drei Landgänge führen durch das Deggenhausertal, das von den Einheimischen auch „Tal der Liebe“ genannt wird – ein Ausdruck, für den es vor Ort allerlei verschiedene Deutungen gibt.

Der Höchsten mit seinen 838 Metern trägt seinen Namen, weil er die höchste Erhebung weit und breit bildet. „Wir sind hier in einer typisch oberschwäbischen Landschaft mit Wiesen, Wäldern und Obstgärten“, so Moni Müller, die nicht allein ist mit ihrer Leidenschaft für die grünen Schätze der Natur.

Hans-Peter Kleemann, Wirt des Berggasthof Höchsten, hat gleich hinter seinem Hotel einen großen Kräutergarten angelegt. Mehr als 100 verschiedene, mit kleinen Infotafeln ausgewiesene Kräuter gibt es hier zu entdecken. Man kann jederzeit allein im Garten umherstreifen oder sich die duftende Oase bei einer Führung erklären lassen. Kleemann schwärmt vom Guten Heinrich gegen Verdauungsbeschwerden, lobt den betörenden Duft des Labkrauts und die antiviralen Eigenschaften der Zistrose mit ihren seidenpapierfeinen Blütenblättchen. Dass der Odermennig als „Sängerkraut“ für Hals und Stimme gut ist, der Fenchel gegen Mundgeruch und Melancholie ebenso wirksam ist wie gegen Blähungen, erfährt man auf unterhaltsame Weise. Hans-Peter Kleemann verehrt Hildegard von Bingen, die schon im Mittelalter wusste, dass die Melisse ein „frohes Herz“ macht und der Heilziest gegen Albträume hilft. Aber Kleemann hat auch Kräutlein in seinem Garten, die der frommen Hildegard nicht bekannt gewesen sein dürften. Besonders angetan hat es dem Wirt der aus Asien stammende Jiaogulan, auch „Kraut der Unsterblichkeit“ genannt, eine Heilpflanze mit Ginseng-Eigenschaften, von der Kleemann täglich einige Blätter kaut. Kinder begeistert er mit der Gummibärchenpflanze. Wenn man ihre Blättchen zwischen den Fingern zerreibt, riecht es, als habe man gerade eine Tüte Haribo aufgerissen.

Hier verläuft die Sprachgrenze

Wer keine Lust auf lange Touren hat, geht auf dem nur einen Kilometer langen „Mundartweg“ spazieren. Genau hier auf dem Höchsten verläuft nämlich die Sprachgrenze zwischen schwäbischem und alemannischem Dialekt. Auf elf Tafeln werden Sprichworte und Ausdrücke einander gegenübergestellt. Für Familien geeignet ist der fünf Kilometer lange „Schaukelweg“ mit 13 verschiedenen Stationen zum Wippen und Schaukeln. Er beginnt und endet im nahen Roggenbeuren. Im Sommer lockt der ebenfalls nahe gelegene Illmensee mit seinem Strandbad. Es muss ja nicht immer der große Bodensee sein, auch wenn man ihn vom Höchsten aus stets im Blick hat. Foto: Claudia Diemar

© Gmünder Tagespost 06.09.2019 15:02
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