Die Kunst der schrägen Vögel

Ornithologie Als Anfänger in einer Gruppe von Ornithologen in Estland erkennt man erst mal wenig, lernt aber ziemlich schnell ziemlich viel.
  • Foto: Franz Lerchenmüller

Es ist Montagmorgen, 6.57 Uhr, auf der estnischen Insel Saaremaa, und der innigste Wunsch von acht Menschen, die sonst wenig gemeinsam haben, erfüllt sich gerade. Da sitzt er! Ganz oben auf einer Fichtenspitze wirft er ruckartig den fast viereckigen Kopf hin und her und blickt mit gelben Augen wie ein grimmiger Herrscher auf die Gruppe herunter: der Sperlingskauz. Führer Andreas ist erleichtert: „Ihr habt alle gezweifelt, was?“ Und dann strömt das geballte Wissen aus 50 Jahren Vogelbegeisterung nur so aus ihm heraus: Der Sperlingskauz ist dämmerungsaktiv und gilt als Vogeljäger Nummer eins. Auch größere Opfer tötet er mit gezieltem Nackenbiss, und für maue Jagdzeiten legt er Beutedepots in alten Spechthöhlen an. Durch das Fernglas gesehen scheint der Vogel ein wahrer Kaventsmann zu sein. In Wirklichkeit ist er nicht größer als ein Star.

Ornithologen von 23 bis 54

Die Wildnis ist kein Futterhäuschen. Wer andere Vögel kennenlernen will als Amsel, Drossel, Fink und Meise, muss sie da suchen, wo sie wohnen oder während ihres Zuges rasten. Vögel beobachten heißt Suchen und vielleicht Finden. Menschen, die das zu ihrem Hobby gemacht haben, nennt man Ornithologen. Nach landläufiger Meinung handelt es sich dabei überwiegend um ältere Herrn in ausgebeulten Cordhosen, die die Gesellschaft von Kanadagänsen jedem Kontakt zu ihresgleichen vorziehen und sich selbst zum Geburtstag mit Kameras im Wert von Kleinwagen beglücken.

Die Gruppe, die sich tags zuvor am Flughafen von Tallinn gefunden hat, widerlegt das. Fünf Menschen zwischen 23 und 54, vom IT-Manager bis zur Bauleiterin sowie ein schreibender Ornithologen-Azubi, werden sich die nächsten Tage gemeinsam den gefiederten Freunden widmen. Und keiner wirkt weltentrückt oder verbissen, im Gegenteil. Reiseleiter Andreas Weber, studierter Forstingenieur, schwärmt von Estland als Vogelparadies. Hier kommt der ostatlantische Vogelzug auf seinem Weg vom Polarmeer zum Südatlantik durch und findet kiesige Küsten, weite Moore mit uralten Krüppelkiefern, feuchte Erlenbrüche und unberührte Wiesen vor.

Jeden Morgen fährt die Gruppe sehr früh hinaus und kehrt oft erst spät abends zurück. Am Kap von Tagaranna sind es die Enten, denen die geballte Aufmerksamkeit gilt: Trauer-, Samt-, Pfeif- und Eisenten dümpeln in den Wellen. Vor allem aber begeistern die seltenen Scheckenten, die eigentlich an der Barentssee leben. Am Ufersaum hüpfen grau-weiße Schneeammern auf und ab wie Federbälle und fressen sich voll für die Reise nach Skandinavien. Seidenschwänze, Tannenhäher, Haubenmeisen werden ausgemacht. Auf dem Festland entdeckt der Führer einen der seltenen Kiefernkreuzschnäbel. Bei der Balz der Birkhähne spreizen vier, fünf schwarze Waldgockel ihre Schwänze wie weiße Fächer und stolzieren aufgeregt herum. Wer ist der Schönste, Stärkste, Selbstbewussteste?

Ihr habt alle gezweifelt, was?

Andreas Weber Reiseleiter

Warum macht man das?

Der ornithologische Azubi tut sich zunächst schwer. Weder vermag er die eine Ente von der anderen zu unterscheiden, noch erkennt er im Gewirr aus Grün und Braun den Weißrückenspecht. Sieht mal wieder nichts, der Gute, befinden die Kollegen nachsichtig und zeigen ihm die App. Und siehe da: Nach Tagen gelingt es ihm, eine flatterhafte, schwarz-weiße Wolke über einem Acker als Kiebitzschwarm auszumachen. Warum fährt jemand stundenlang durch die Gegend und steht sich die Beine beim endlosen Warten in den Leib? Der eine schätzt, dass er beim Beobachten alles andere vergisst. Die andere begeistert, dass sie einen Einblick in das Verhalten von Lebewesen bekommt. Der Dritte verweist auf sein Jäger- und Sammlergen: Bisher sind rund 10 000 Vogelarten bekannt, fast ebenso viele harren wohl noch der Bestimmung. Und alle lieben die Überraschung: Man weiß nie, was einen erwartet. 103 Arten entdecken sie während der Tage, viele zum ersten Mal im Leben.

Der Auerhahn im Islandmoos

Schließlich hat der Azubi seine große Stunde. Im Staatsforst, in dem die Kiefern schlank und gerade hochschießen wie Spargel, zuckelt der Bus langsam dahin. Blicke scannen das Grün, wo die frühe Sonne ein Leopardenmuster auf den Boden pinselt. Und da! Der schwarze Fleck, der sich auf dem Teppich aus Islandmoos bewegt – ist es ein Elch? Nein, ein Bär! Von wegen, korrigieren die Kollegen, jetzt selbst aufgeregt. Eindeutig ist da ein Auerhahn unterwegs – die roten „Rosen“ über den Augen leuchten geradezu. Den Schwanz gespreizt, wandelt er hochmütig über die sandige Waldbrandschneise, ganz Seht-mich-Prachtkerl-nur-an, verschwindet hinter Stämmen und macht sich in den tiefen Wald davon.

© Gmünder Tagespost 06.09.2019 15:08
194 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.