Durch die schönen, stillen Wasser

Kanada Weltkulturerbe und eine attraktive Hausboot-Route durch das südliche Ontario: der Rideau-Kanal. Bei einer Bootsfahrt kann der Besucher viel unberührte Natur entdecken.
  • Foto: Wolfgang Albers
  • Schleusen en masse: Alle sind noch handbetrieben. Foto: Wolfgang Albers

Der Feind kann kommen. Als Sergeant Major Napoleon Bergeron zackig über den gepflasterten Hof von Fort Henry marschiert, ist er sich sicher: Die US-Amerikaner werden sich blutige Köpfe holen. Im Stechschritt marschieren die Soldaten, tadellos sitzen ihre schwarzen Uniformen. Kommandos und Anschisse der rotbefrackten Offiziere hallen durch das Fort. Eine Gruppe Artilleristen lädt eine Kanone auf dem Wall. Krachend jagt ihr Schuss über den Hafen von Kingston hinaus.

Wer durch den Süden der kanadischen Provinz Ontario, die an den US-Bundesstaat New York grenzt, reist, hört immer wieder ausgesprochen unfreundliche Bemerkungen speziell über den gegenwärtigen US-Präsidenten. Aber im Kriegszustand sind die beiden Länder nun doch nicht. Die Kanonaden vom Fort Henry, das nie einen US-Angriff abwehren musste, gehören zur in Kanada so beliebten „Living History“: Schauspielende Akteure beamen den Besucher in die Vergangenheit.

Das kanadische Nationalgefühl

Die war tatsächlich blutig: Von 1812 bis 1814 versuchten die US-Amerikaner, die englische Provinz Kanada zu erobern. Vergeblich, aber sie förderten damit ein eigenständiges kanadisches Nationalgefühl. Und sogar letztlich ein Rückgrat des Ontario-Tourismus: den Rideau-Kanal, einen 202-Kilometer-Wasserweg zwischen Kingston und Kanadas Hauptstadt Ottawa. Ungefähr in seiner Mitte liegt die Kleinstadt Smith Falls. Am Kanalufer glänzen die frisch gezimmerten Steg-Bretter einer neuen Marina. Eine ganze Flotte weißer Kleinjachten dümpelt im Wasser. Gebaut von einer polnischen Werft, geordert vom britischen Hausbootvermieter Le Boat, der in einigen Ländern Europas tätig ist und seit Mai 2018 auch Kanada in sein Geschäft aufgenommen hat.

Der Rideau-Kanal hat Smith Falls große Unternehmen gebracht. Aber 2 000 Arbeitsplätze, klagt Bürgermeister Shawn Pankow, sind in den letzten Jahren weggebrochen. Jetzt soll der Kanal die Wirtschaft wieder pushen. Die Stadt und die Region haben Le Boat deshalb mit Subventionen in Millionenhöhe umworben. Das war nicht unumstritten, aber Shawn Pankow erwartet reichlichen finanziellen Rückgewinn durch Besucher aus aller Welt: „Wir sind jetzt auf der internationalen Landkarte. Wir können an den globalen Tourismus herankommen wie nie zuvor.“

„Tourismus ist die neue Ökonomie“, sagt auch Sandy Crothers, der Leiter der Boots-Station. Er weist die Boots-Mieter ein. Zeigt den Zugriff zum wuchtigen Dieselmotor, erklärt die Gasgriffe für den Herd und die Schalter für all die Elektronik. Und übt mit den Kunden die ersten Runden im Hafenbecken. Kurve, wenden, einparken am Kai. Die Boote können bis zu acht Personen unterbringen und haben einen flachen Kiel, sind also anfällig für Wind und Strömung. Man muss am Steuer ständig konzentriert reagieren und ein Gefühl für die Manöver bekommen, sonst steht der Kahn schon mal quer.

Durch 47 Schleusen hindurch

Sandy Crothers Büro ist im ehemaligen Haus des Schleusenwärters. Frisch gestrichen und renoviert von Parks Canada, die Organisation für alle kanadischen Nationalparks. Und für historische Stätten wie eben für den Rideau-Kanal. Der ist mittlerweile sogar Weltkulturerbe, und hoch engagierte Guides in einer ehemaligen Mühle von Smith Falls, die jetzt zum Besucherzentrum umgebaut ist, erklären seine Einzigartigkeit: Ab 1826 gebaut, funktionieren der Kanal und seine 47 Schleusen aus dem 19. Jahrhundert immer noch.

Der Kanal ist ein Kind des Krieges 1812/1814: Weil der Wasserweg von Kingston nach Montreal über den Sankt-Lorenz-Strom führt und dieser Grenzfluss leicht von den USA blockiert werden konnte, wurde der Rideau- Kanal, der zur Grenze Distanz hielt, durch die Wildnis gesprengt und gepickelt. Durchstiche verbanden Flüsse und Seen, Dämme verwandelten Strömungen in stille Wasser, Schleusen zähmten Wasserkaskaden wie die Smith Falls. Der Preis war nicht nur finanziell hoch: Rund tausend Arbeiter wie die aus Irland, gerade den Hungerjahren in ihrer Heimat entronnen, starben an Dammbrüchen, Felsstürzen, Malaria und Cholera.

Wir sind jetzt auf der internationalen Landkarte.

Shawn Pankow Bürgermeister

Vom Nest zur Metropole

Aber 1832 erreichte der leitende Ingenieur John By den Anschluss ans bisherige Wassersystem und ließ dort, wo gewaltige Wasserfälle dem Rideau-River seinen Namen Vorhang-Fluss gegeben hatten, eine spektakuläre Treppe aus acht Schleusen und einige Holzhütten bauen: Bytown, erst ein schäbiges Nest voller schwerer Jungs und leichter Mädchen – heute Ottawa, längst eine Millionenstadt.

Die Mitarbeitenden von Parks Canada mit ihren grünen Hemden und kurzen khakifarbenen Hosen sehen die Bootsfahrer auf ihrer gesamten Tour. Denn wie zu den Zeiten des John By werden fast alle Schleusen noch von Hand bedient. An großen Eisenrädern kurbeln die Männer, bis sich die hölzernen Schleusentore öffnen oder schließen oder eine Brücke zur Seite schwenkt. Und die Boote in eine abwechslungsreiche Wasserlandschaft wechseln.

Sie müssen sauber Kurs halten in schmalen Kanälen, gleiten durch Sumpflandschaften, wo sich auf umgestürzten Baumstämmen Schildkröten sonnen. Und nach der nächsten Schleuse öffnen sich weite Seen mit Kalksteinufern und voller Inseln, manche gerade mal ein Felsblock mit zwei Bäumen darauf. Wenn sich dann Minifjorde ins Ufer fressen, ist unter einem hohen Himmel das Skandinaviengefühl komplett – vor allem, wenn man dann noch auf ein Kajak umsteigt. Über Nacht werden die Boote vertäut. Wie an der Upper Beveridges Lockstation am Tay Kanal, einem Seitenarm des Rideau-Systems. Park Canada hat dort eine Grillhütte und einen Feuerplatz gebaut. Nachts knistern die Scheite, der Vollmond gießt seine Lichtmagie über die Szenerie, in der Wäldern heult ein Rudel. Wölfe? Kojoten, erklärt der Schleusen-Ranger am nächsten Morgen: „Sie jagen Waschbären. Wenn die auf einen Baum flüchten, belagern die Kojoten den Stamm und machen dort so lange Radau, bis ihre Beute entkräftet vom Baum fällt.“

Dann rauscht das Wasser in die Schleusenkammer, das Boot nimmt wieder Kurs auf. Dorthin, wo einst die Veteranen der Krone ihr Grundstück in der Wildnis bekamen und nun hübsche Dörfer und Städtchen mit kolonial-viktorianischem Erbe ihre Rolle in der Zukunft suchen. Merrickville zum Beispiel, wo Dave Nash Bürgermeister ist. Ein Mann mit Hörgerät und grauen Haaren. Aber sobald er Zeit hat, sattelt er seine Harley. Denn das Dorf ist das Refugium vieler Ex-Hippies, und ihre Kunsthandwerk-Geschäfte säumen die Hauptstraße, die lokale Eisdiele hat sich einen Ruf bis nach Ottawa verschafft.

Die schwäbische Brennerei

Perth, wo die Offiziere der Queen ihre Pension in repräsentativen Steinhäusern anlegten, setzt auf den Genuss. Wie Hanna Murphy und ihre junge Truppe von den Top Shelf Distillers, die anknüpfen an die Zeit der lokalen Brennereien, die in der Prohibitions-Zeit nur im Untergrund agieren konnten. Sie haben sich, ganz legal nun, eine schwäbische Brennerei-Ausstattung geleistet und füllen ihre Brände ab, etwa Whisky mit Ahornsirup.

So machen die Kapitäne auf Zeit Beute auf den Landgängen. Plaudern mit den so bemerkenswert freundlichen und entspannten Kanadiern, die manchmal sogar (Einwanderungsland!) ins Schwäbische verfallen. Und lösen wieder die Leinen: neuen Ufern und Entdeckungen entgegen.

© Gmünder Tagespost 06.09.2019 15:34
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