70 Hektar Ruhe nur acht Minuten von Manhattan entfernt

New York Governors Island in der Upper New York Bay ist ein Regenerationsort.
  • Foto: Dörte Nohrden

Ein Sommersonntag in New York. In den Häuserschluchten Manhattans steht die Luft, Taxis hupen um die Wette, der Schweiß rinnt. Jetzt heißt die Lösung: auf zum Battery Maritime Building und ein Ticket Richtung Governors Island ziehen. Schon bevor die Fähre ihre Leinen losmacht, flattern Kleider, streift eine kühle Brise die Haut, eine Wohltat. Nur acht Minuten dauert die Überfahrt. Halbstündlich entlädt das Schiff heute Trauben von Wochenendausflüglern: Familien, Radfahrer, Freundesgruppen mit Bollerwagen. Unter ihnen viele Touristen, aber auch New Yorker.

Vollständig herumgesprochen hat sich diese Freizeitoase allerdings noch nicht. Zu lange war sie der Bevölkerung verschlossen. Wer hier, auf dem 70 Hektar großen Eiland zwischen Manhattan und Brooklyn, von Bord geht, wähnt sich sofort in einer anderen Welt. Schlagartig ist der Verkehrslärm verstummt, Autos sind hier verboten. Allein ein paar Helikopter knattern über die Insel hinweg. Es duftet nach Gras und Seeluft. Ein Sanatorium für die Sinne. Fast surreal erscheinen von hier die silbern glänzende Skyline, das steil emporragende One World Trade Center.

Wechselvolle Geschichte

Am Info-Center nahe dem Fähranleger wartet Debbie schon und erzählt über die Ereignisse im Fort Jay, im Castle Williams; beide Festungen überdauerten Jahrhunderte. Dann geht es entlang der hübschen, historischen Holzhäuser im Schatten spendenden Nolan Park, Debbies persönlichem Lieblingsort auf Governors. „Lange Zeit war die Insel aus Sicherheitsgründen gar nicht auf Landkarten verzeichnet“, erklärt sie. Von den Unabhängigkeitskriegen bis hin zum Zweiten Weltkrieg war dies Stützpunkt und auch Heimat von Soldaten, Offizieren und ihren Familien. „Auf diesem Grund wurde der D-Day geplant, und zum Ende des Kalten Krieges trafen sich hier sogar einmal Gorbatschow, Reagan und Bush“, erklärt sie auf Höhe der Colonels Row, einer herrlichen Allee hochgewachsener Platanen.

„Die Offiziersfamilien lebten damals noch direkt am Strand“, so Debbie, „hier verlief bis etwa 1912 nämlich noch die Küste.“ Und dies erkläre die heutige Form der Insel, die aussieht wie eine Eiskugel in der Waffel. Genau jene „Waffel“ wurde erst vor gut 100 Jahren hinzugefügt: Rund 3,5 Millionen Kubikmeter Erde und Schutt, beim Bau der Lexington-Avenue-U-Bahn aus dem Boden gebaggert, verschiffte man nach Governors Island und vergrößerte die Militär-Insel so um mehr als das Doppelte. Wohn- und Lagerbaracken entstanden, ein Flugplatz und auch die über 300 Meter lange, U-förmige Kaserne Liggett Hall. Ein Torbogen, von dem Kunstinstallationen prangen, führt durch das Gebäude hindurch.

Nachdem das Militär Governors Island 1966 zunächst an die Küstenwache übergab, erwarb 2003 schließlich die Stadt New York das Eiland - für genau einen Dollar. Nur: was tun mit der verwitterten, verwaisten Insel? In einer Ausschreibung setzte sich der niederländische Landschaftsarchitekt Adriaan Geuze mit innovativen Plänen durch, ließ nutzlos gewordene Gebäude abreißen und verwandelte den Grund in eine wunderschöne Parkanlage samt vier Hügeln, genannt „The Hills“. „Seit der Park 2014 geöffnet wurde, hat sich alles verändert. Die rund 3000 Bäume und 43 000 Sträucher, die gepflanzt wurden, sind ordentlich gewachsen“, so Debbie. Unversehens öffnet sich der Blick in die Ferne: auf keine Geringere als Lady Liberty. Dörte Nohrden

© Gmünder Tagespost 13.09.2019 14:38
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