Besuch bei der Königin der Lüfte

Natur pur In Liechtenstein kann man mit dem Falkner Norman Vögeli rund um den Berg Sareis wandern – in tierischer Begleitung.
  • Foto: Annette Frühauf

Da sitzt ja ein Adler“, tönt es aus dem Sessellift beim Hinauffahren ins Wanderparadies oberhalb von Malbun in den Liechtensteiner Alpen. Ein Finger zeigt in Richtung des Steinadlers, der an der Liftanlage in 2 000 Meter Höhe sitzt. Majestätisch thront der knapp ein Meter große Vogel mit dem bräunlich marmorierten Federkleid auf der Brüstung. Auf dem Kopf des stolzen Tieres sitzt eine Lederhaube, die ihn vor allzu viel Trubel schützt. Daneben steht Norman Vögeli, Falkner des Fürstentums, dem gelungen ist, was bisher kaum ein anderer geschafft hat: dass seine Steinadler ihn freiwillig in ihrem Lebensraum begleiten.

Eine besondere Bindung

Der Liechtensteiner begrüßt die großen und kleinen Gäste, die ihm heute auf der rund zweieinhalbstündigen Wanderung folgen – begleitet von Asul, der zehnjährigen Adlerfrau. Die Gäste erleben diese besondere Bindung zwischen Mensch und Wildtier hautnah. Der Ausblick ist herrlich: links der Gamsgrat, rechts die Gipfel von Spitz und Gorfion, teilweise noch wolkenverhangen. Ab und zu blitzen Sonnenstrahlen hervor und bringen Schneereste zum Glitzern. In der Ferne bimmeln Kuhglocken. „Wer an einem schönen Tag heraufkommt, sieht nur die gute Seite der Berge“, sagt Vögeli. „Im Winter ist es hier eisig, es liegen bis zu vier Meter Schnee und alles ist karg und öde“, schildert der 46-Jährige die bedrohliche Seite der beschaulichen Landschaft. „Mit Zentralheizung, Migros und Co. lässt es sich im Winter aushalten. Doch das wilde Steinadlerpaar, das hier lebt, kämpft fast fünf Monate ums Überleben“. Die Freiheit ist für sie nicht grenzenlos, sondern eine tägliche Herausforderung – ein einziger Fehler tödlich.

Mit neun Kilo im Aufwind

Wer genau hinschaut, erkennt Anzeichen des Überlebenskampfs, spätestens, wenn Norman Vögeli dem Adlerweibchen, das inzwischen auf dem Falknerhandschuh sitzt, die Haube abnimmt. Rundherum wird es plötzlich still, die Tiere der Umgebung bringen sich in Sicherheit. „Ein Pfiff der Murmeltiere bedeutet: Gefahr aus der Luft. Bei Bodenfeinden pfeifen sie mehrmals hintereinander“, erklärt der Greifvogelexperte.

Sie lässt mich nicht aus den Augen und sieht auf zweieinhalb Kilometer eine Maus.

Norman Vögeli Falkner

Mit wenigen Flügelschlägen steigt sein Steinadler auf, getragen vom Aufwind, ohne den das neun Kilogramm schwere Tier nicht lange oben bleiben würde. Es gibt nur wenige Tierarten wie die Adler, bei denen die Weibchen größer sind als die Männchen. Alle schauen Asul gebannt hinterher, die immer mehr an Höhe gewinnt. Auch die Jüngeren haben ihre Handys inzwischen vergessen und blicken gebannt nach oben. Mittlerweile sitzt die Königin auf einer Bergwiese und ist kaum mehr zu erkennen, verschwimmt mit der Umgebung. „Sie lässt mich nicht aus den Augen und sieht auf zweieinhalb Kilometer eine Maus. Ich bin so etwas wie ihr Partner“, ist der Falkner überzeugt. Er hebt die Hand mit dem ledernen Handschutz zum Zeichen der Rückkehr.

Die Königin ist launisch

Nur wenig später landet Asul darauf. Ihre mächtigen Schwingen, mit einer Spannweite von 2,20 Metern, schlagen noch zweimal auf und ab, um das Gleichgewicht zu halten. „Sie kommt nicht wegen des Futters, sondern aus einer tiefen Bindung heraus“, sagt der Falkner, der sich respektvoll vom spitzen Schnabel und den handflächengroßen Krallen entfernt, die eine Druckkraft von über einer Tonne besitzen.

Seine Königin ist launisch, hungrig und kein Schmusetier. Vielleicht beeindruckt die Steinadlerfrau gerade dadurch, dass sie sich nicht zähmen und dressieren lässt. Sie bleibt ein wildes Tier, dessen Kooperation immer wieder aufs Neue erarbeitet und verdient werden will. Die malerische Umgebung ist ebenfalls in den Hintergrund gerückt. Alle blicken zum Himmel, beobachten Asul, eingetaucht in die Welt der Greifvögel.

© Gmünder Tagespost 13.09.2019 14:40
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