Das Heiligtum am Rand der Wüste

Iran Das muslimische Land bietet Heiligtümer, uralte Städte – und eiserne Regeln, von denen vor allem Frauen betroffen sind. Besonders an den Heiligtümern wird auf die Regeln streng geachtet.
  • Foto: Doormann

Gluthitze in der Pilgerstadt Ghom. Schwarz verhüllte Frauen huschen wie Schattenwesen durch das Stadtzentrum entlang der historischen Bogenfassaden. Männer schreiten erhobenen Hauptes, gekrönt von einem Turban, in gehörigem Abstand an den Unkenntlichen vorbei, manche in einem bodenlangen Umhang aus hellbraunem Kamelhaar. Dazwischen vier Reisende aus Deutschland, drei Frauen und ein Mann, denen es so vorkommt, als habe sie eine Zeitmaschine zurück ins Mittelalter gebeamt. Nur die von Autos verstopften Straßen erinnern an die Gegenwart.

Die Millionenstadt Ghom am westlichen Rand der Wüste Dascht-e-Kawir wird nur selten von Fremden besucht. Sie birgt das zweitwichtigste schiitische Heiligtum Irans, die Grabmoschee der Fatima al-Masuma, der Schwester des achten Imam Ali Reza. Im Jahre 816 soll Fatima auf einer Reise von Medina zu ihrem Bruder erkrankt sein. Sie ließ sich nach Ghom bringen, wo sie kurz darauf starb. Als Angehörige der Prophetenfamilie errichtete man ihr ein Grabmal, das im Laufe der Jahrhunderte immer prächtiger ausgebaut wurde.

Die Farbe des Turban

Für Männer und Frauen gibt es unterschiedliche Eingänge in das Heiligtum. Ausländerinnen werden separiert und müssen über ihre Kopftücher, die langärmeligen Sweatshirts und langen Hosen zusätzlich einen grauen Ganzkörper-Schador stülpen, befestigt mit einem Gummizug am Haaransatz. Die drei Frauen können sich kaum bewegen, der einzige Mann in der Reisegruppe ist besser dran. Schweißgebadet stehen die drei schließlich genau sieben Schritte vor dem Fraueneingang zur Grabkammer mit dem Sarkophag der Fatima – doch als „Ungläubige“ dürfen sie nicht hinein.

Währenddessen ist eine Beerdigungsprozession im Gange. Ein Sarg wird ganz vorn über den Köpfen der Männer getragen, still an den Mauern einer Moschee entlang. Frauen seien bei der Prozession nicht zugelassen, weder Ehefrauen noch Tochter oder Schwester, sagt Ali. Wer einen weißen Turban trage, sei ein Mullah, ein islamischer Geistlicher. Ein schwarzer Turban bedeute, dass der Geistliche ein Sayed, ein Nachfahre des Propheten, sei.

Nicht überall im Iran erlebt man die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Frauen so krass wie in Ghom. Gut 100 Kilometer südlicher, jenseits der großen Stadt Kaschan, wandert die Gruppe mit Reiseführer Pouya Fathi durch ein ländliches Tal, die Frauen abseits der Dörfer ohne Kopftuch. Entspannter geht es auch im Eco-Wüstencamp Matinabad zu. Weiße Zelte stehen am Rande der riesigen Sandwüste von Dascht-e-Kawir. Solarzellen, ökologischer Gemüse- und Obstanbau sowie Trekkingtouren zu einsamen Sanddünengebieten oder zum Großen Salzsee locken Touristen und einheimische Besucher an.

Frauen sind bei der Prozession nicht zugelassen.

Lottemi Doormann ?Autorin

Mit dem Kamel zu den Dünen

Bei der Ankunft in der Mittagshitze jedoch wirkt das Camp wie ausgestorben. Für die geplante Wanderung oder ein Kameltrekking zu 60 Meter hohen Dünen ist es unter der gnadenlosen Sonne viel zu heiß. Erst nachmittags wird das Camp lebendig. Schulklassen mit Jugendlichen trudeln ein, Jungen und Mädchen getrennt, aber alle mit ihren Smartphones. Bald wird zusammen gespielt, geradelt, gelacht. In der hoch gelegenen Cafeteria mit Blick über die Wüste und die grünen Anbauflächen sitzen Gäste aus Japan und Australien bei Eis oder Cappuccino.

Im schattigen Hof plaudern Iranerinnen mit den deutschen Frauen. Traumhaft ist es, abends oben auf der Terrasse unterm Sternenhimmel zu hocken. Aufbruch am frühen Morgen zu der uralten Teppichstadt Nain mit ihren Lehmhäusern und zahllosen Windtürmen, die zum Kühlen der Wasserspeicher dienen. Manche Kunsthandwerker arbeiten unter der Erde in Kellergewölben wie der alte Mohammed, dessen Webstühle die ganze Wand ausfüllen. Er lädt die Besucher zu einem Tee ein und zeigt die Umhänge aus Kamelhaar, Nierenwärmer, Gürtel, Decken und Teppiche, die er hier von morgens bis abends herstellt. „Wir haben nur Sorgen“, sagt der Weber, „jeden Tag geht es uns schlechter.“ Er hoffe, eines Tages komme der Sohn des Schahs zurück. Unter den alten Leuten im Iran gibt es noch viele Royalisten.

Die größte und älteste Wüstenstadt Irans ist Yazd. Der Legende nach soll sie von Alexander dem Großen gegründet worden sein. In der reichen Stadt am Knotenpunkt wichtiger Karawanenwege wurde Anfang des 14. Jahrhunderts an der Stelle eines Feuertempels mit dem Bau der heutigen Jame-Moschee begonnen. Mehr als 200 Jahre dauerte es, bis das grandiose Gesamtkunstwerk mit hoch aufragendem Eingangsiwan und Doppelminarett darüber vollendet war.

Jetzt, in der Stunde vor Sonnenuntergang, nähern sich die Fremden fasziniert der ganz und gar mit blauen und türkisfarbenen Fliesenmosaiken verzierten Moschee. Später lauschen sie dem Singsang des Freitagsgebetes hoch über den Kuppeln der Stadt. Dieses Mal dann völlig unverschleiert.

© Gmünder Tagespost 13.09.2019 14:40
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