Für jede Kondition der richtige Weg

Katalonien Als Teil des Fernradwegs Eurovelo 8 schlägt der grenzüberschreitende Rundkurs Pirinexus einen weiten Bogen durch Katalonien. Dabei kommt auch die Kultur nicht zu kurz.
  • Foto: Ulrike Wiebrecht

Mehr Understatement geht wirklich nicht: ein paar Kisten mit Apfelsinen, daneben Dosen mit Tomatenmark, Waschmittel und Toilettenpapier, im Nebenraum eine kleine Bar. So muss man sich den Supermarkt von Capmany vorstellen. An der Theke sitzen ein paar Männer und unterhalten sich quer durch den Raum mit der Frau an der Kasse. Das Thema: Katalonien, das den Repressalien des spanischen Staats ausgesetzt ist.

Der kleine Laden scheint mehr Dorfkneipe als Verkaufsstelle zu sein. Und wirkt genauso verschnarcht wie die umliegenden Gassen mit ihren archaischen Torbögen. Erst auf den zweiten Blick sieht man, was da noch so im Regal steht. Hinter einer dünnen Staubschicht kommt das Etikett eines „Grand Recosind“ zum Vorschein, dann der Moscatell der Bodega Oliveda und ein Gewürztraminer von Oliver Conti. Die Weißweine und Tintos werden alle vor Ort gekeltert. Mehr als ein Dutzend Kellereien gibt es rund um Capmany.

Selten kommen Touristen

Die Spitzenerzeugnisse werden bis nach Deutschland exportiert. Aber die Leute im Dorf scheinen sich darauf nichts einzubilden. Und lassen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn hier ein paar Radfahrer vorbeikommen. Denn Capmany ist eine der vielen Stationen auf dem Pirinexus, jenem Fernradweg, der einen 350 Kilometer langen Bogen durch Katalonien schlägt und dabei durch Gegenden führt, in die sich nur selten Touristen verirren. Ausgangspunkt des Rundkurses sind die französischen Pyrenäen. Von dort führt die Strecke nach Spanien in das ländlich geprägte Hinterland der Costa Brava, weiter an die Küste und von dort wieder zurück in die Pyrenäen.

Der Pirinexus ist Teil des Eurovelo 8, des europäischen Fernradwegs, der von der Europäischen Union mitfinanziert wird und das ganze Mittelmeer säumt. „Theoretisch kann man von Athen bis Marokko radeln“, sagt Mireia Salvadò, die mit ihrem Fahrradverleih auch geführte Touren organisiert. „In der Praxis ist der Eurovelo 8 aber noch sehr lückenhaft.“ Am weitesten gediehen – neben Teilstücken in Venetien und Slowenien – ist der grenzüberschreitende Pirinexus. Er ist gut ausgeschildert und so konzipiert, dass er mit einer normalen Kondition zu bewältigen ist. „Wenn ich will, kann ich natürlich jeden Tag 100 Kilometer mit 1 500 Höhenmetern machen“, räumt Mireia ein, „aber man kann es auch gemütlicher angehen lassen.“

Durch die Weinregion radeln

Theoretisch kann man von Athen bis Marokko radeln.

Mireia Salvadò ?Fahrradverleiherin

Indem man beispielsweise durch die flache Weinregion im Hinterland der Costa Brava radelt. Vorbei an Bauernhäusern, romanischen Kirchlein und Ortschaften wie Capmany. Zwischendurch kann man einen Stopp im mittelalterlichen Peralada einlegen, sich das Schloss und die von Arkaden gesäumte Plaça Major ansehen. Außerdem lädt die Schlosskellerei zur Degustation ein. Sympathischer ist allerdings die kleine Bodega La Vinyeta ein paar Kilometer weiter, die Köstlichkeiten aus dem eigenen Garten auftischt. Da muss man sich schon zurückhalten, wenn man danach noch die rund 40 Kilometer entfernte Küste erreichen will.

Mit etwas Glück hilft einem dabei die Tramuntana, der heftige Nordwind, der immer wieder über die Region hinwegfegt. Die hässlichen Vorstädte von Figueres werden dabei umfahren – es sei denn, man möchte unbedingt ins Dalí-Museum. Und auch die Zentren des Massentourismus an der Küste werden ausgespart.

Vom Meer ins Mittelalter

Und dann kommt endlich das Meer: Würzig duftende Pinien rahmen die zauberhaften kleine Buchten von Empúries ein, eine schöner als die andere. Danach geht es direkt ins Mittelalter. Bellcaire, Gualta, Fontclara – der Weg passiert lauter Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Hier hat eine Burg, dort eine Kirche aus dem 10. Jahrhundert überdauert. Besonders schön ist Palau-Sator mit der Torre de les Hores, dem Uhrturm, der das Tor zu einem Gewirr enger Gassen bildet. Erst langsam erwacht der Ort aus dem Dornröschenschlaf, ein paar Lokale bieten sich für ein Mittagessen an. Doch kein Vergleich mit Pals. Das Dorf ist mit seinen jahrhundertealten Adelspalästen und lauschigen Gassen der Mittelalter-Hotspot schlechthin, erstickt aber oft genug in Touristenmassen.

Hat man es hinter sich gelassen, gilt es noch mal ordentlich in die Pedale zu treten, um nach Sant Feliu de Guíxols zu gelangen. Unterwegs entschädigt die Platja del Castell für die Strapazen: ein kilometerlanger Streifen aus feinem goldgelben Sand, der völlig unverbaut und von markanten Felsen eingerahmt wird. Er gehört zweifellos zu den schönsten Stränden an dieser wilden Küste.

© Gmünder Tagespost 13.09.2019 14:42
240 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.