Das sturmerprobte Erbe der Bretagne

Frankreich Im äußersten Westen der Bretagne trotzen Leuchttürme und eine abwechslungsreiche Küstenlandschaft seit Jahrhunderten den Wellen des Atlantiks. V
  • Foto: Martin Reuse

Alexandra Coatmen kann sich glücklich schätzen: Sie hat das Paradies erwischt. Ihr Arbeitsplatz, der Leuchtturm von Eckmühl, im äußersten Südwesten der Bretagne gelegen, steht auf dem Festland. Das heißt, sie kann jeden Tag nach Hause und muss nicht weit draußen auf dem Meer ausharren und das Leuchtfeuer in Gang halten, wie es jahrhundertelang von Leuchtturmwärtern gemacht wurde. Schon damals galten die Türme, die eine tägliche Heimkehr zur Familie ermöglichten, als begehrte – eben paradiesische – Orte, während ein Leuchtturmwärter auf einer vorgelagerten Insel oft wochenlang auf Ablösung warten musste, was in der religiösen Bildersprache dem Fegefeuer gleichkam.

Bauzeit 14 Jahre

Der weit draußen vor der Westküste gelegene Leuchtturm Ar-Men, was in der bretonischen Sprache so viel wie Felsen bedeutet, ist ein Beispiel für diese Hölle. „Schon der Bau zog sich über 14 Jahre hin“, erklärt Alexandra Coatmen, „weil das wilde Meer immer wieder die mühsam in der Tiefe errichtete Basis weggespült hatte.“ Von solch zerstörerischen Kräften ist hoch oben auf der Aussichtsplattform des Turms von Eckmühl an diesem lauen Sommerabend nichts zu spüren – still und friedlich kräuseln sich allenfalls ein paar sanfte Wellen, während die rotgoldene Sonne am fernen Horizont den Himmel in magischen Farben leuchten lässt. Selbst Alexandra Coatmen, für die Postkarten-Sonnenuntergänge keine Seltenheit sind, zückt ihr Smartphone und macht ein Bild. „Aber ich finde die Aussicht bei jedem Wetter großartig“, betont sie. Den Leuchtturm, um den sie sich mit ihrem Team seit 2010 kümmert, natürlich auch. Neben dem sehr deutsch klingenden Namen „Eckmühl“ liegt die Besonderheit des 65 Meter hohen Turms vor allem in den hochwertigen Materialien, die darin verbaut wurden. Beides geht zurück auf das Vermächtnis der Marquise von Blocqueville, die 1885 in ihrem Testament verfügte, dass sie die ungeheure Summe von 300 000 Franc (heute rund eine Million Euro) für die Errichtung eines Leuchtturms an einer gefährlichen Landspitze bereitstelle. Der Turm sollte zum einen an ihren Vater erinnern, einen General Napoleons, der im bayrischen Eggmühl eine entscheidende Schlacht gewonnen und dafür den Titel Prinz von Eckmühl erhalten hatte. Zum anderen sollte der Bau in seiner Funktion als Lebensretter eine Art Wiedergutmachung für die vielen Gefallenen sein. Dem Willen der Marquise entsprechend wurde der Turm dann aus widerstandsfähigem Kersanton-Granit errichtet und innen mit Fliesen aus Opalglas verkleidet. Am 7. Oktober 1897, dem fünften Todestag der großzügigen Geldgeberin, wurde der „Phare d’Eckmühl“ nach mehrjähriger Bauzeit eingeweiht. Und 110 Jahre später, im Oktober 2007, quittierten die letzten beiden Leuchtturmwärter ihren Dienst, weil das Leuchtsignal auf vollautomatischen Betrieb umgestellt wurde.

Aus den Ruinen der Abtei

Wer sämtliche Leuchttürme der Bretagne in Augenschein nehmen will, wird wohl mehrfach anreisen müssen. Denn die zwar wunderschöne, aber sehr zerklüftete Küste hat dazu geführt, dass dort mehr als ein Drittel aller Leuchttürme Frankreichs stehen – 52 von insgesamt 148. Schlank und leuchtend weiß mit knallroter Spitze markiert beispielsweise weiter oben im Norden der runde Turm von Saint-Mathieu den Eingang in die Bucht von Brest. Je nach Perspektive scheint er über den Steilklippen geradezu aus den Ruinen einer alten Abtei zu wachsen, auf deren Turm einst die Mönche Leuchtfeuer für die Seefahrer anzündeten. Das ursprüngliche Kloster stammt aus dem 6. Jahrhundert, es wurde damals zum Dank für eine Rettung aus Seenot errichtet und bildet einen spannenden Kontrast zur modernen Marine-Überwachungsstation direkt daneben.

Am Strand fanden wir noch ein weiteres Überbleibsel aus dem Krieg.

Clément Coquil
Museumsdirektor

An diesem Ensemble führt auch der Fernwanderweg GR 34 vorbei, auf dem sich die gesamte Küste der Bretagne zu Fuß erkunden lässt. In sanftem Auf und Ab führt der schmale Pfad an Wiesen und Feldern vorbei, mäandert zwischen dem Grün der Landschaft und dem dunklen, bis zum Horizont reichenden Blau des Wassers hin und her. Der Blick reicht in endlose Weiten, begleitet vom unablässigen Rauschen der Brandung.

Das Bunker-Museum

Hin und wieder trifft man auf Reste deutscher Militäranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, die als kantige Betonklötze wie Mahnmale der Vergangenheit wirken. Mag der Gedanke an unterirdische, fensterlose Schutzräume angesichts von blauem Himmel und grünen Wiesen eher abschreckend wirken - ein Abstecher ins nahe gelegene Museum „Mémoires 39-45“ lohnt sich. In diesem riesigen alten Bunker, der trutzig auf einem Hügel thront und sich fünf Stockwerke tief in ihn hineingräbt, haben die Brüder Clément und Aurélien Coquil eine beeindruckende Sammlung an Erinnerungsstücken zusammengetragen. Uniformen, Waffen, Fahrzeuge, Alltagsgegenstände und unzählige Fotos von Soldaten wie von Zivilisten. Auf die Idee, das damalige Leben am Atlantikwall mit möglichst vielen Originalgegenständen und Zeitzeugenberichten nachzustellen, waren die 29- und 36-jährigen Brüder vor einigen Jahren gekommen, als sie auf dem Dachboden im Haus ihres Urgroßvaters eine deutsche Uniform entdeckt hatten. „Am Strand fanden wir noch ein weiteres Überbleibsel aus dem Krieg“, erzählt Clément, „und damit war unser Sammeleifer endgültig geweckt.“ Also baten sie ihre Landsleute, ebenfalls auf ihren Dachböden und in alten Kisten zu stöbern und ihnen die Fundstücke aus den Kriegsjahren zur Verfügung zu stellen. Zudem besuchten sie ältere Menschen, die diese Zeit miterlebt hatten, und ließen sich deren Geschichten erzählen. Der alte Bunker, ehemals der Kommandostand der Batterie Graf Spee, schien für das Projekt ideal, und so investierten sie eine Menge Geld und restaurierten einen Teil davon.

Wer nach dem Rundgang durch die sehr informativ aufbereitete und mit interaktiven Elementen angereicherte Ausstellung wieder ans Tageslicht kommt und den Blick vom Dach ganz oben über die traumhaft schöne Landschaft gleiten lässt, empfindet tatsächlich so etwas wie Dankbarkeit, dass der Luftschutzbunker als solcher ausgedient hat und heute einem sinnvolleren, friedlichen Zweck dient – mitten in einer paradiesischen Landschaft.

© Gmünder Tagespost 13.09.2019 14:42
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