Tatort

Das Grauen in der Nobelvilla

Der neue „Tatort“ aus Dresden ist eine exquisite Mischung aus spannendem Krimi und wuchtigem Familiendrama.
  • Ihr zweiter Fall: Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) in einer Szene des „Tatort: Nemesis“. Foto: Daniela Incoronato/MDR/W&B Television/ARD/dpa
Auftragskiller, betrogene Ehefrauen, gelinkte Geschäftspartner oder durchgeknallte Psychopathen: In der langen Geschichte der Krimireihe „Tatort“ haben schon alle möglichen Figuren gemordet, die Bandbreite reicht vom Obdachlosen bis zum Staatsanwalt. Kann es in dieser Hinsicht noch eine Überraschung geben?

Durchaus, wie der neue „Tatort“ aus Dresden beweist, der am 18. August im Ersten läuft und mit dem die Krimireihe aus der Sommerpause kommt. Am Schluss des rundum spannenden Krimis mit dem unheilvollen Titel „Nemesis“ wird ein Täter präsentiert, der wirklich aus der Reihe der üblichen Verdächtigen tanzt.

Der von Stephan Wagner inszenierte Film ist eine gelungene Mischung aus packendem Krimi und wuchtigem Familiendrama. Und er überzeugt mit einer subtilen Bildsprache, die das Grauen hinter der schmucken Fassade einer edlen Villa in der sächsischen Hauptstadt spürbar macht.

Dazu kommt der spannende Konflikt, den die beiden Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) mit ihrem Chef Michael Schnabel (Martin Brambach) auszutragen haben. Denn der ist möglicherweise befangen.

Der impulsive Schnabel ist jedenfalls am Boden zerstört, als er vom brutalen Mord am Dresdner Edelgastronomen Joachim Benda erfährt, in dessen Szenerestaurant der Kommissariatsleiter schon so manchen schönen Abend erlebt hat, wie er seinen Untergebenen Gorniak und Winkler geknickt erzählt. Der Restaurantbesitzer wurde mit mehreren Schüssen regelrecht hingerichtet, was auf einen Auftragskiller aus dem Milieu der Organisierten Kriminalität hindeutet.

Ganz offenbar hatte das Mordopfer Verbindungen zu solchen Kreisen, von denen auch Schnabel und der Vater von Leonie Winkler, ein pensionierter Polizist mit legendärem Ruf, wussten. Das ist der unbestechlichen jungen Polizistin, die erst ihren zweiten Fall löst, natürlich ein Dorn im Auge und sie scheut vor der Konfrontation mit ihrem Vorgesetzten und ihrem Vater keineswegs zurück, was ihr bei der Kollegin Gorniak dringend benötigte Pluspunkte einbringt.

Doch die beiden Frauen ermitteln auch in der schicken Villa des Mordopfers und befragen sehr zum Missfallen von Schnabel die verzweifelte Witwe Katharina Benda (großartig: Britta Hammelstein) und die beiden minderjährigen Söhne eingehend – und, wie ihr Vorgesetzter findet, ziemlich taktlos.

Schnell stellt sich heraus, dass in dieser wohlhabenden Familie etwas ganz und gar nicht stimmt. Dabei hat der Zuschauer gegenüber den Ermittlerinnen einen Wissensvorsprung.

So wird er Zeuge davon, auf welch merkwürdige Art die offenbar verwirrte Mutter Benda mit ihren beiden Söhnen umgeht – Szenen, die der Regisseur Stephan Wagner im Stile eines Psychoschockers à la Hitchcock oder Polanski überaus wirkungsvoll inszeniert. Wenn etwa die Witwe des Nachts plötzlich im Zimmer eines ihrer beiden Söhne steht und den im Bett liegenden Filius sekundenlang unbewegt beobachtet, kommt regelrecht Grauen auf.
© Südwest Presse 16.08.2019 07:45
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