Mobilität in Baden-Württemberg

Luft nach oben auf dem Land

Das kleine Ostrach hat ein riesengroßes Gemeindegebiet. Die Einwohner können Bürgerbus, Mitfahrbänke und E-Leihfahrzeug nutzen. Trotzdem bleibt das eigene Auto fast unverzichtbar.
  • Bürgermeister Christoph Schulz (links) und Gemeinderat Jörg Schmitt an der Ladesäule in Ostrach. Das E-Bürgerauto fehlt beim Fototermin, jemand hat es ausgeliehen. Foto: Alfred Wiedemann
  • Schon seit dem Bürgerbus-Start 2014 dabei: Fahrer Kurt Werkmann ist einer der 25 Ehrenamtlichen am Lenkrad. Foto: Alfred Wiedemann
  • Bürgerbus-Haltestelle mit Mitfahrbänkle am Ostracher Edeka. Foto: Alfred Wiedemann
Es ist ein Segen, dass es den Bürgerbus gibt“, sagt Christel Mielke, die beim Einkaufen war und am Edeka-Markt in Ostrach einsteigt. Beim Einladen ihres Rollators hilft Fahrer Kurt Weckmann. Bis Spöck fährt sie mit, fünf Kilometer, eine Stunde wäre es zu Fuß – aber das ist keine Alternative. „Nein, das geht nicht mehr, und dann noch der Einkauf.“ Elisabeth Tillmann fährt ebenfalls mit, sie ist eine Stunde zuvor mit dem Bürgerbus in den Hauptort gefahren. Jetzt geht es wieder heim. Beide machen das immer wieder, beide sind froh, dass es den Bürgerbus gibt. „Die Fahrer sind viel freundlicher als im Linienbus“, sagt Mielke.

Ostrach im Kreis Sigmaringen ist flächenmäßig so groß wie Heidelberg. Statt 160 000 Einwohner wie die Unistadt hat die Gemeinde aber nur 6757 – verteilt auf 109 Quadratkilometer, 24 Ortschaften von Bachhaupten bis Wirnsweiler. Statt E-Roller oder 365-Euro-Ticket interessiert, wie man ohne Auto nach Ostrach kommt, zum Einkaufen oder zum Linienbus, der nach Pfullendorf oder Bad Saulgau fährt.

„Ohne Auto geht es hier nicht“, sagt Bürgermeister Christoph Schulz (CDU). Wer in Ravensburg oder Friedrichshafen arbeitet, braucht es zum Pendeln. Öffentlicher Nahverkehr wie in der Stadt wäre unbezahlbar. Damit nicht nur Schulbusse und wenige Linienbusse bleiben, sind Ideen gefragt. Die hat man in Ostrach.

Den Bürgerbus gibt es schon seit November 2014, organisiert von einem Verein, mit ehrenamtlichen Fahrern. Er verbindet nach einem festen Fahrplan an fünf Tagen in der Woche den Hauptort mit den Ortschaften. Die Fahrt kostet ein Euro. 25 Ehrenamtliche wechseln sich am Steuer ab, aber Betrieb und Unterhalt kosten. Ein Zuschussgeschäft für die Gemeinde, sagt Jörg Schmitt, SPD-Gemeinderat und Vorsitzender des Bürgerbus-Vereins. Aber eines, das sein Geld wert ist, sagt Bürgermeister Schulz.

„Die Ostracher haben den Bürgerbus gern, viele winken, wenn er vorbeifährt“, sagt Schmitt. „Aber bei der Nutzung ist Luft nach oben.“ Deshalb wird von September an auf Rufbus umgestellt. Wer mit möchte, muss dann vorher anrufen. „Leerfahrten mit dem Bus sind ja nicht ökologisch“, sagt Schmitt.

Grade sei das neue Rufbussystem genehmigt worden, sagt Schmitt. Nicht so einfach, weil fünf Linienbusverkehre und zwei Verkehrsverbünde – Bodo und Naldo – tangiert sind. Ganz zu Beginn sah mancher Busunternehmer die Bürgerbuspläne noch kritisch, befürchtete Konkurrenz. Das sei heute anders. „Wir sind keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung“, sagt Schmitt, mit dem Bürgerbus kommen manche zur Linienbus-Haltestelle.

Wer im Bürgerbus mitfährt, mache es „oft und gern“, sagt Fahrer Kurt Werkmann, „Stammgäste“. Wie 24 andere Ehrenamtliche hat der Rentner den Personenbeförderungsschein gemacht, der alle fünf Jahre erneuert werden muss („das ist gar nicht so einfach, man wird ja nicht jünger“, sagt der 67-Jährige. Ostrach habe zwar einige Geschäfte und Lebensmittelmärkte, es fehlten aber Besucherziele wie Freizeitbad oder Einkaufszentrum. „Wenn Ostrach das hätte, wäre die Auslastung besser.“

Zu den fahrplanmäßigen Routen kommen weitere Fahrten: Mittwochs fährt der Bürgerbus nach Bad Saulgau zur Lebensmittel-Tafel, beim Ferienprogramm ist der Bus gefragt, auch in der Fasnet.

Seit Herbst 2017 gibt es in der Gemeinde auch knallgrüne Mitfahrbänke, angestoßen vom Verein Nachbarschaftshilfe Weithart. Im Hauptort stehen zwei, in den Dörfern fünf. Wer hier Platz nimmt, signalisiert Autofahrern, dass er mit will (siehe Info-Kasten).

Wer selber fahren will, kann seit April 2018 das Ostracher E-Bürgerauto ausleihen – Carsharing wie in der Großstadt. Die Stromtankstelle ist am Rathaus. Zwei weitere E-Säulen folgen, finanziert über das EU-Leaderprogramm, so Schulz. Die Buchung läuft über Handy oder Computer direkt über die Leasingfirma E-Wald. 6,90 Euro kostet die Stunde. Die Gemeinde nutzt den Renault Zoe auch als Dienstwagen. Das bringt eine bessere Auslastung. „Wer zuerst kommt, fährt den Wagen“, sagt Rathausmitarbeiter Ralf Scholter, „da muss sich auch der Bürgermeister hinten anstellen.“ Neben den dienstlichen Nutzern gebe es auch „ein paar andere“, sagt Scholter, darunter junge Familien, die umweltbewusst aufs Zweitauto verzichteten. „Ohne Auto kommt man hier ja nirgends hin.“

Also ein E-Bürgerauto in jeder Gemeinde? „Da sich Gemeinden oder Vereine manchmal schwer tun, ehrenamtliche Fahrer für den Bürgerbus zu finden, kann das Bürgerauto eine gute Alternative sein“, sagt Max Stöhr, Fachbereichsleiter im Sigmaringer Landratsamt. Pauschal übertragbar seien alternative Beförderungskonzepte allerdings nie, sie müssten „individuell auf die Gemeinden zugeschnitten“ sein.
© Südwest Presse 15.08.2019 07:45
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